Fotocollage
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Akademie > Kunst in Loccum > Gerlinde Grossmann

Zeichnung von Susanne Pikullik-Bastian

Gerlinde Grossmann

Karton-Collagen
August/Oktober 2004

Von Hans-Peter Burmeister

Collagen sind geklebte Bilder. Der Künstler arbeitet nicht mit Pinsel, Farben und Leinwand, sondern mit farbigem Papier, Schere und Leim. Die Bilder können genauso gegenständlich oder ungegenständlich, farbenfroh oder monochrom, ausdrucksstark oder meditativ sein wie andere Bilder. Sie werden aber eine Neigung zum "Konstruktivistischen" aufweisen, die das Material nahe legt.
Gerlinde Grossmann arbeitete meist mit den Resten früherer Arbeiten, die sie veränderte, ergänzte, immer wieder neu anordnete, bis das Ergebnis ihrem prüfenden Blick standhielt. Dabei ging es um die Balance zwischen den verschiedenen Formen und Farben, aber auch um die kleinen Ungleichgewichte, die dem Bild seinen Reiz verleihen, weil sie den Beschauer zum aktiven Sehen herausfordern.
Aktiv sehen, das heißt: in ein Gespräch mit dem Bild eintreten, das Bild befragen, dem Bild seine Antworten entlocken, neue Wege des Sehens erschließen. Das heißt aber auch, in ein Gespräch mit der Künstlerin eintreten. Um dieses Gespräch ging es Gerlinde Grossmann, solange sie lebte. Das Wunder dieser Bilder ist, dass das Gespräch auch jetzt noch, da sie nicht mehr lebt, möglich bleibt.

Gerlinde Grossmann - Biografische Notiz
Von Reinhard Grossmann

Gerlinde Grossmann wurde 1938 in Stettin geboren. Sie war das älteste Kind der Familie, die zu einer kleinen protestantischen Freikirche mit strenger Frömmigkeit in calvinistisch-pietistischer Prägung gehörte.
Nach Evakuierung in ein Ostseebad und Flucht nach Niedersachsen brauchte die Familie längere Zeit, um wieder Fuß zu fassen. Das war mit zahlreichen Umzügen und Schulwechseln verbunden. Erst mit dem Umzug nach Verden/Aller und dem Eintritt in das dortige altsprachliche Dom-Gymnasium bekam ihr Leben eine feste Struktur.
Sie begann ein Studium der Fächer Germanistik und Theologie, zu denen später mit wachsender Bedeutung die Philosophie trat. Sie wechselte von Bonn über Marburg nach Tübingen, wo sie 1962 heiratete. Ihre Pläne, einmal als Lehrerin in einem Gymnasium zu unterrichten, gab sie nicht auf, auch als die junge Familie 1964 von Tübingen wegzog und im selben Jahr das erste Kind geboren wurde. 1968 folgte ein zweiter Sohn, der aber infolge eines angeborenen Kreislauf-Schadens nach einem halben Jahr starb. Ein Jahr darauf erkrankte sie an Multipler Sklerose, die sie ab 1975 zur Benutzung eines Rollstuhls zwang. Sie starb im Juli 2001 an einer schweren Krebs-Erkrankung.
Sie sammelte Kunst-Postkarten, später Plakate und Ausstellungs-Kataloge. Vor allem nach Ausbruch ihrer Krankheit konnte sie sich tagelang mit dem selben Bild beschäftigen, das sie in einem Katalog aufgeschlagen hatte. Ihre Vorliebe umfasste die alten Meister, unter den Modernen vor allem Kandinsky, Klee, Schlemmer, aber auch Magritte und Max Ernst. Als sie anfing, ihre Eindrücke von solchen Bildern aufzuschreiben, geriet sie fast zwangsläufig in einen poetischen Stil, den sie dann auch mit anderen Themen pflegte und weiter entwickelte. So entstanden über hundert Gedichte.
Daneben begann sie zu zeichnen. Damit verband sie zunächst einen mehr therapeutischen Zweck, nämlich die rechte Hand, die von der Lähmung besonders stark betroffen war, ruhig zu stellen. Bald aber stellte sich heraus, dass die linearen Strukturen, die so entstanden, ein eigenes künstlerisches Leben zu entfalten begannen. Weil sie gern auch mit Farbe arbeiten wollte, ließ sie die Zeichnungen kopieren und bearbeitete sie sehr sparsam mit Wasserfarbe, Tusche und Wachskreide, ließ sie wieder kopieren, arbeitete weiter, klebte auch Ausschnitte aus der einen Zeichnung in eine andere ein.
Als sie entdeckte, dass die zähe Ölfarbe auf dem rauen Leinen-Papier ihre Hand stabilisierte, begann eine Zeit intensiver Malarbeit. In etwa fünfeinhalb Jahren entstanden über 950 Bilder in verschiedenen Größen. Schließlich entdeckte sie die Möglichkeit, mit Karton-Collagen, bei deren Herstellung sie sich helfen lassen konnte, noch größere Bilder zu schaffen. Diese Arbeit füllte die letzten anderthalb Jahre ihres Lebens aus.
Zuerst zögerte sie, ihre Bilder zu zeigen. Als sie aber die ersten Erfahrungen mit Ausstellungen gemacht hatte, entdeckte sie, welche Kraft ihr aus der Begegnung mit anderen Menschen, die durch ihre Bilder gestiftet wurde, zuwuchs, und sie pflegte eine reiche Ausstellungstätigkeit, die sie auch nach Polen und in die USA und Kanada führte.
Sie hat sich immer dagegen gewehrt, als "Behindertenkünstlerin" klassifiziert zu werden. Sie anerkannte den hohen therapeutischen Wert der Kunst gerade für Behinderte, behauptete ihn aber mit gleichem Recht auch für "Gesunde". Vor allem aber wollte sie ihre Arbeiten nicht einer strengen Kritik entziehen. Dass ihre Kunst ihr selbst half, mit ihrer Krankheit und ihrer Behinderung umzugehen, hätte sie nie bestritten. Doch es entsprach ihrem Selbstverständnis, dass ihre Kunst nur dann von Wert für sie sein konnte, wenn sie überhaupt wertvoll war. Die heilende Kraft ihrer Kunst bestand für sie gerade darin, dass sie auch Kunst für andere war.

 

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