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Jerzy JoachimiakHominide GmbHZeichnungen Oktober/Dezember 2000 |
Von Ryszard K. Przybylski
Wir leben in einer Welt, in der unter den
unterschiedlichsten Texten Bedienungsanleitungen eine besonders
exponierte Stellung einnehmen. Das ist offensichtlich die Wirkung des
Expansionsdrangs der technischen Zivilisation. Umgeben von immer
komplizierteren Gegenständen brauchen wir ausführliche Erläuterungen,
um mit ihnen fertig zu werden. Um sie aus eigener Phantasie zu zähmen.
Natürlich sind wir uns vollkommen der Tatsache bewusst, das wir uns in
der Welt der Gegenstände selbst vergegenständlichen. Nicht nur, weil
diese vielen verschiedenen Dinge uns nützen, sondern weil wir zunehmend
von ihnen abhängen. Wenn wir Bedienungsanleitungen lesen, befähigen
wir uns nicht nur, die Gegenstände zu beherrschen, wir beginnen an die
Macht bestimmter Vorschriften zu glauben. Als wäre in ihnen eine Kraft
verborgen, dank derer die Dinge in gebührender Weise funktionieren. Wir
selbst übrigens auch.
Jerzy Joachimiak zeigt in seinen Arbeiten eben diesen
eigenartigen Prozess des sich vergegenständlichenden Glaubens in die
unbegrenzten Möglichkeiten des Menschen. In seine allseitige
Entwicklung. Es reicht, sich nur an die sich verändernden Umstände, an
ständig andere sich stellende Anforderungen anzupassen. Der Künstler
zeichnet also eine unbegrenzte Anzahl sich ausweitender Machenschaften
über das Ausmaß der Verwendung des Menschen. Hinter diesen
modellierten Auflösungen verbirgt sich die Kraft eines echten Produktes
der populären Kunst. Sie wuchern einfach. Diese wuchernden
Machenschaften zeigt der Künstler ebenfalls.
Es stimmt, dass er eine außergewöhnliche Begabung
besitzt, die fantastischsten Situationen zu zeichnen. Der Gegenstand und
der vergegenständlichte Mensch können in seinen Arbeiten einer schier
nach Belieben erfolgenden Metamorphose unterliegen. Das Ganze geschieht
in einer so selbstverständlichen, geradezu kaum wahrnehmbaren Art.
Aber, müssen wir sofort hinzufügen, es geschieht nicht willkürlich.
Denn die Zeichnungen Joachimiaks verbergen in sich eine präzis
verwendete Grammatik. Ihr Autor atomisiert einzelne Vorstellungen. Sie
werden in ein integriertes Ganze gestellt, sie verändern sich in eine
Sammlung von Elementen. Elemente, die in ihrem Wesen als ikonograhische
Parolen eines Lexikons überprüft werden können.
Die Mittel, die Joachimiak verwendet, lassen sich jedoch nicht nur darauf reduzieren, ein bestimmtes Ganzes zu schaffen. Ohne Zweifel könnte man unendlich viele solcher Ganzheiten konstruieren. Über die Phantasie hinaus will ihr Schöpfer nichts weiter kundtun. Deshalb setzt der Künstler sehr deutlich Beschränkungen. Er konfrontiert nämlich bestimmte Elemente mit sich selbst. Alte Verwendungen werden modernisiert, sie bleiben aber ständig gegenwärtig. Das Alter schimmert durch die neue Verwendung durch. Und obwohl sie an Bedeutung verlieren, weil sie immer weniger zum Ganzen passen, erinnern sie dennoch immer an ihre Existenz. In Wirklichkeit ändert sich im äußersten Fall nicht viel. Immerhin die Vervielfachung neuer Funktionen, mit denen man jene Elemente bedenkt, ist unbegrenzt. Man bemerkt hier keinerlei Maß. Sie wachsen wie Antworten auf unsere sich nicht zu begrenzen lassenden Bedürfnisse. So, wie es in der Werbung geschieht, die doch auf menschliche Sehnsüchte antwortet und, wenn sie diese in ihre Aufmerksamkeit gebracht hat, immer wieder neue schafft.
Joachimiak spielt mit dieser menschlichen Schwäche.
Er erinnert in dieser Hinsicht an Kurt Vonnegut. So wie er fügt
Joachimiak verschiedene Diskurse zusammen, die in der zeitgenössischen
Welt gewöhnlich mit menschlichen Ansprüchen umschrieben werden. Man
könnte auch sagen: "Sollen andere Ordnung ins Chaos bringen. Ich
bringe Chaos in die Ordnung ..."
Konsistent in ihren Kompositionen sind die Zeichnungen
Joachimaiks gleichfalls eine Dekonstruktion der Sprache, die in unserer
gegenwärtige Ikonosphäre gehaust hat. Die Zeichnungen stellen ihre
Eigentümlichkeit bloß. Konstruiert nach bestimmten Prinzipien, die die
Lebensart der Welt bestimmen, passen sie uns gleichfalls an die uns
umgebenden Realität an. Wir sind darin nicht nur Beteiligte in einem
Konsumspiel. Was wichtiger ist, wir werden zum Gegenstand der
Manipulation. Der Scherz, so wie er gern in der Werbung benutz wird,
verändert sich dann in eine höhnische Grimasse. Die Arbeiten
Joachimiaks sind solche höhnischen Grimassen menschlicher Aspiration,
nicht beherrschter Ansprüche am Konsumspiel. Im Zyklus "Bestimmte
Zeitsprünge mit vereinfachter Methode" zeigt er die Störung
zeitlicher Abläufe. In von uns nicht kontrollierbaren Prozessen
passiert es, dass wir in eine andere Zeit geworfen werfen. Und dennoch
entschwindet unser Bewusstsein. Nolens volens nehmen wir die
Konsequenzen der vollzogenen Veränderungen auf unsere Schultern. So,
Joachimiak zeigt es, hat sich die Modernisierung bereits vollzogen. Aber
nicht jeder ist sich dieser Tatsache bewusst.
Aus dem Polnischen von Reinhard Behnisch
Jerzy Joachimiak: 1944 in Kielce/Polen geboren; 1964-70 Studium an der Hochschule für Bildende Künste in Posen; seit 1970 Mitglied im Bund Polnischer Bildender Künstler, freiberuflich tätig als Maler, Illustrator, Designer und Bühnenbildner; 1974-77 Assistent an der Hochschule für Bildende Künste in Posen; seit 1983 Wohnsitz in Hannover; seit 1985 Mitglied im Bund Bildender Künstler für Niedersachsen; seit 1996 Lehrbeauftragter an der Fachhochschule Hildesheim.