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Altar von Jyrgen May

Jyrgen May

de profundis
Neue Flügelaltäre
August/Oktober 2000
Per crucem

Von Jyrgen May

Die neuen Flügelaltäre der Ausstellung „de profundis“ zeigen meistens Bilder aus den Evangelien. Als Erzählform wurde das  Triptychon bis hin zum Polyptychon gewählt. Der Andachts­charakter der Bilder soll dadurch hervorgehoben werden. Es werden aber auch freie religiöse Themen gemalt.

Die Retabel sind immer geöffnet und zeigen ihre „Feiertagsseite“. Die einstellbaren Seitenflügel wirken zuweilen wie ausgebreitete Arme. So entsteht „Bildraum“. Die Exponate sind in ihrem architektonischen Aufbau der Flügel, Ober- und Untertafeln entweder streng symmetrisch, etwa in Kreuzform, oder bewusst auch asymmetrisch angeordnet.

Andere Elemente wie Größen, Mengen, Substanzen, Arrangements, Farben oder Formen des Flügelaltares stehen in bewusstem Kontext zur inhaltlichen Aussage und zählen als künstlerisches Mittel, das über ein „normales Bild“ weit hinausführt.

„Lectio divina“ der sakralen Gestaltung

In meinem Atelier für Sakralmalerei setze ich Flügelaltäre meistens aus einzelnen Wortinhalten oder Abschnitten aus den Evangelien im Sinne einer malerischen „Lectio divina“ um. Bibelstellen werden gelesen, wiederholt, malerisch meditiert und verinnerlicht. Einige Altäre werden über Jahre erst vervollständigt, bleiben im Prozess der Veränderung, manche sind schneller abgeschlossen.

Natürlich beginne ich manchmal einfach zu malen und finde Titel erst hinterher. Titellose Bilder gibt es bei mir nicht, da der Titel sozusagen die „Essenz eines Bildes“ sichtbarer machen soll.

Das kontemplative Betrachten der Flügelaltäre kann den Erlebnisprozess der durchgeführten „Lectio divina“ wiederum etwas hervorrufen und führt den Betrachter tiefer in das Werk hinein. Nicht umsonst heißt die Ausstellung „de profundis“.

Neue Flügelaltäre, warum?

Was hat mich aufgerufen neue Flügelaltäre, die mittelalterlichen Andachtsobjekte, die vor einem halben Jahrtausend „ausgestorben“ sind, verwandelt herzustellen? Zunächst einmal entwickelte ich sie experimentierend.

Das Einzel-Bild der „Grablegung“ genügte mir nicht. Ich schraubte beispielsweise an den Keilrahmen eine Art „Fensterrahmen“, um den symbolischen Durchblick in eine unsichtbare Realität nach dem Sterben anzudeuten. Das Fenster brachte mich auf die Idee, einen zweiten Keilrahmen anzuschrauben und ins Thema einzubinden. So wurde der erste Flügelaltar Nr.1, Grablegung geboren.

Jedes Thema sucht seine eigene Ausdrucksgestalt. Im Gegensatz zum Gotik- oder Renaissance-Retabel ist vieles zwar anders, jedoch sind einige Ähnlichkeiten vorhanden: ein Klappmechanismus, Flügel, eine Predella oder auch Inhalte wie eben die Kreuzigung.

Darstellen möchte ich sowohl die Zerbrechlichkeit als auch die Stärke der Persönlichkeit heute und das Seufzen der Kreatur, die immerwährende Passion, die sich nach Erlösung sehnt (Röm.8).  Vom Dunklen gehen wir zum Hellen, zu Gott. Nur durch das Scheitern kommen wir vorwärts. So empfand es Alberto Giacometti. Das Opfer Jesu Christi  scheint mir  hochaktuell – die künstlerische Darstellung in Flügelaltären will an diese Wunde und ihre Heilung durch Gott erinnern.

Der Stil ist expressiv und dramatisch geworden.  Intensive Acrylfarben, dynamische Formen und sonstige Substanzen wie Asche, Knochen, Holz, Stoff-Figuren oder auch Edelsteine und Pflanzenteile  und differenzierte  Flügelformate werden deshalb eingesetzt.

Gibt es Ankunft?

Früher beteten viele vor den berühmten oder unbekannteren Flügelaltären. Sie waren nicht nur „Brennpunkte sakraler und profaner Gelehrsamkeit“, sondern auch „wundersame Gnadenorte von Schönheit und Emotion“ (Caterina Limentani Virdis, „Flügelaltäre“ Hirmer-Verlag 2002). Es gab „Ankunft“ vor den Altären.

Heute möchten die Neuen Flügelaltäre  durch Ausstellungen zu den Besuchern kommen und sie berühren, ihnen „Ankunft“ bei sich selbst ermöglichen. Sie möchten auch zum Dialog Kunst und Kirche einen besonderen Beitrag leisten.

Die Ausstellung „de profundis“ der Neuen Flügelaltäre mit unterschiedlichen Exponaten und Umfang befindet sich seit Karfreitag 2009 auf Reise durch deutsche Kirchen, Klöster oder Akademien. Der Umfang des entstehenden Werkes beläuft sich momentan im Sommer 2010 auf über 800 Bildertafeln, die in 200 kleinen oder größeren Flügelaltären verarbeitet worden sind.

Jyrgen May, Jahrgang 1956, lebt auf dem Lande in Ottersberg bei Bremen.  In den Siebzigern mehrere Jahre in der Sozialtherapie und Landwirtschaft in England und in der Lüneburger Heide tätig. Studium in Hamburg, ab 1982 an zwei Schulen in Göttingen und Ottersberg insgesamt 18 Jahre als Lehrer tätig. In den Achtzigern größere, malerische Auftragswerke in diversen Städten wie Kiel, Hamburg, Bremen oder Cuxhaven. Ab 2001  Bewegungstherapeut in der Psychiatrie und Sucht-Therapie. Seit 2006 freiberuflich als Künstler (Malerei, Musik, Tanz und Dichtung) tätig und in der Behindertenhilfe Werkstatt Bremen beschäftigt.

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