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Cigdem Akyol

Schriftstellerin und Jounalistin
in: Forum Loccum Nr. 1/März 2017

Recep Tayyip Erdogan: 
Worauf will er hinaus?

„Du bist die Türkei: Denke groß!“, steht auf Plakaten, die in der Türkei landesweit mit Recep Tayyip Erdogans Gesicht aushängen. Er ist allgegenwärtig; In der Türkei sowieso, und auch in den deutschen Medien produziert er große Schlagzeilen.

In Deutschland  wissen wir jedoch kaum etwas über diesen Mann, den der Großteil der Deutschtürken wählt, und der gelegentlich zu Wahlkampfauftritten hier ganze Hallen füllt, stets rote Nelken in die Scharen wirft und wie ein Messias gefeiert wird.

Für Außenstehende ist die Grundkonstellation klar: Erdogan hat sich die Türkei untertan gemacht. Hierzulande ist es zu einem Volkssport geworden, Erdogan, den großen Unbekannten, zu psychologisieren. In Deutschland erscheint er wie eine undurchsichtige, ferne Figur im Fokus der Weltöffentlichkeit. Ein Verkünder seiner eigenen Agenda, der für deren Durchsetzung auch Gewalt in Kauf nimmt.

All das ist wahr, doch natürlich ist die Geschichte Erdogans und der Türken nicht so einfach. Die Türken kennen Erdogan schon seit dessen Jugend, die Deutschen seit seinem Amtsantritt als Ministerpräsident. Das Bild, das hier von ihm herrscht, entspricht nur in Teilen der Realität – die ist natürlich viel umfassender.

Er kommt aus bescheidenen Verhältnissen, arbeitet sich empor aus einem Armenviertel, überwindet das kemalistische System, das Männer wie ihn nicht vorgesehen hat. Er ist der facettenreichste Politiker der Republik, der durch die Wirren der türkischen Geschichte geprägt und durch den Willen, unbegrenzte Macht als Staatspräsident zu haben, getrieben ist.

Setzt man die Mosaiksteine seiner Biografie zusammen, lässt sich vor allem erkennen, dass Erdogan kein Islamist ist – wie in der deutschen Öffentlichkeit oft unterstellt –, sondern ein Taktiker erster Güte – oder aber der übelsten Sorte, je nach Sichtweise. Seine politische Agenda ist er selbst.

Er kann mahnen, provozieren, belehren und begeistern. Bleibt die große Frage: Worauf will er hinaus? Er will eine Gehorsamkeitsgesellschaft. Vor allem will er aber die uneingeschränkte Macht. Bis heute vermisst er eine Anerkennung seiner Leistung.

So wächst der Autoritarismus. Erdogan hat es geschafft, dass die Türkei zu einem Land der Angst geworden ist, in dem kritische Bücher aus den Läden verschwinden und Medien verboten werden.

Aber: Seine Attraktivität hat er längst verloren – er setzt jedoch alles daran, dass keine Alternative zu ihm aufkommen kann. Heute ist die Türkei ein tief gespaltenes Land. Zwischen denen, die Erdogan verehren, die an ihm festhalten, weil sie weitere Wirren befürchten, und denen, die auf den Straßen „Erdogan, tritt ab!“ rufen.

Cigdem Akyol ist Schriftstellerin und Journalistin. Sie lebt in Deutschland und in der Türkei. Im letzten Jahr veröffentlichte sie eine viel beachtete Biografie über Recep Tayyip Erdogan, die im Freiburger Herder Verlag erschienen ist.

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