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Foto Thomas Kaufmann

Thomas Kaufmann

Professor für Kirchengeschichte an der Universität Göttingen
in: Forum Loccum Nr. 4/Dezember 2016
Foto: Universität Göttingen

Die Digitalisierung in den Geisteswissenschaften

Die Zeit der Unschuld, der kindlich-naiven Freude über die neu gewonnenen Chancen und Möglichkeiten der digitalen Kulturrevolution, ist vorüber. Die Ambivalenzen sind allenthalben sichtbar: Die Bedrohung bürgerlicher und politischer Freiheitsrechte durch die geheimdienstliche Ausnutzung unserer persönlichen Daten; die totalitäre Ökonomisierung infolge der weitestgehenden Transparenz unserer Lebensgewohnheiten; die Entdemokratisierung der Gesellschaft mittels der Abschottung ideologisch Gleichgesinnter in sozial vernetzten Echoräumen jenseits der kritisch-diskursiven öffentlichen Debatten usw.

Natürlich darf und soll es nicht bei einem Lamento bleiben. Ein Geisteswissenschaftler tut gut daran, die Bedingungen seiner jeweiligen Gegenwart konstitutiv in seine Reflexionen über die Methoden, die Perspektiven, das Verständnis seines Faches einzubeziehen. Das ist weithin selbstverständlich. Für unsere Zeit aber bedeutet dies, dass wir uns zu der Frage zu verhalten haben, inwiefern die digitale Transformation unserer Gesellschaft auf unsere Wissenschaften eingewirkt hat und welche weiteren Konsequenzen absehbar, wünschbar oder zu befürchten sind.

Die digitale Welt eröffnet dem Forscher Wege, die er auch vorher schon gehen wollte, die er aber wegen der Begrenztheit der Lebenszeit und der Ressourcen nicht zu gehen imstande war. Diese Chancen sind faszinierend und betörend.

Anders aber stellt es sich mir dar, wenn nicht mehr darüber gesprochen wird, welche konkreten Forschungsaufgaben wir lösen wollen, sondern wenn die Imagination der Möglichkeiten, der Taumel der immer neuen Methoden, die Verlockung der ganz großen Aufbrüche und methodischen Durchbrüche lähmend und Kosten steigernd in die Projektplanung Einzug hält. Dies ist der Moment, in dem die Modernisierung zum Selbstzweck und Digitalisierung um jeden Preis vorangetrieben wird.

Unsere ureigenste Aufgabe als Geisteswissenschaftler besteht in der kritisch-reflexiven Begleitung und nüchternen Analyse der Vor- und Nachteile der Digitalisierung, mithin in einer flankierenden Betrachtung dessen, welche Rolle der Computer in unserer Wissenschaftskultur und in unserem Leben spielen sollte und wo seine Grenzen liegen.

Bei vielen Geisteswissenschaftlern herrscht eine verständliche Skepsis gegenüber der Langlebigkeit und Nachhaltigkeit elektronischer Datenspeicherung. Wer kann garantieren, dass die Migrationsfähigkeit von Daten dauerhaft finanzierbar und die Verfügbarkeit etwa sehr kostspieliger Texteditionen gewährleistet ist?

Monokulturelle Lösungen in den Geisteswissenschaften werden uns auf Dauer ähnlich teuer zu stehen kommen, wie dies bei den noch immer unabsehbaren Folgekosten der Kernenergie der Fall ist. Nur eine wirklich forschungsgetriebene wissenschaftskulturelle Diversität wird den Herausforderungen der digitalen Kultur gerecht werden können.

Prof. Dr. Thomas Kaufmann nahm im November 2016 an der Hochschultagung zum Selbstverständnis von Geistes- und Sozialwissenschaften in Loccum teil.

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