Fotocollage
Kontakt | Impressum | Sitemap | Suchen | Home | 

Forum Loccum > Angemerkt > Christoph Markschies

Foto Christoph Markschies

Christoph Markschies

Professor für Kischengeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin
in: Forum Loccum Nr. 2/Juli 2014

Wissenschaft und öffentliche Medien

Das erste Mal hörte ich von dem Phänomen vor einigen Jahren. „Wir müssen die Sache noch mindestens zwei Ausgaben weiterdrehen“, sagte eine Journalistin und meinte damit irgendeine Auseinandersetzung an irgendeiner Berliner Universität.

Mit „Weiterdrehen“ war zum einen gemeint: weiter Stoff sammeln, um für mindestens zwei weitere Artikel Material zu haben. Zum anderen war aber auch gemeint: Die Dinge noch weiter personalisieren, einen sachlichen Konflikt in Form von skandalträchtigen Geschichten beschreiben und auf ein paar klar, personelle konturierte Alternativen zuspitzen. Seither beobachte ich dieses Phänomen im Wissenschaftsjournalismus immer häufiger.

Etwas zugespitzt könnte ich über die zunehmende Boulevardisierung der Wissenschaftsberichterstattung klagen. Sie betrifft auch viele verwandte Bereiche.

Letzte Woche las ich über die Rezeption eines kirchlichen Dokuments im Newsletter einer Kirchenzeitung: „Es hagelte Kritik“. Da ich zufällig den einschlägigen Pressespiegel gelesen hatte, wies ich die Autorin vorsichtig darauf hin, dass neben rund zehn positiven Zeitungsartikeln auch drei kritische erschienen waren. Ob man das wirklich einen Hagelsturm von Kritik nennen könne? Es sei, so reagierte die  Angesprochene, eben notwendig, „die Dinge etwas zuzuspitzen, um ein besonderes Augenmerk auf die Themen der aktuellen Ausgabe zu lenken“.

Schelte der journalistischen Zunft durch Betroffene ist nicht unproblematisch. Außerdem wissen alle, dass solcher Drang „weiterzudrehen“ und „zuzuspitzen“ mindestens auch eine schlichte Folge des ökonomischen Drucks auf die Printmedien ist – wenn beispielsweise den privaten Fernsehsendern nun auch regionalisierte Werbung erlaubt wird, dürften die Werbeeinnahmen der Zeitungen noch mehr zurückgehen und die Redaktionen müssten noch mehr verkleinert werden.

Angesichts des sich weiter verschärfenden ökonomischen Drucks wird nun einmal verzweifelt versucht, die Zahl der Lesenden eines Wissenschaftsteils einer Zeitung nicht noch mehr schwinden zu lassen. Da gilt eben: Wenn anstelle von gründlicher Information nur noch weiter gedrehter kalter Kaffee in den Blättern stünde und anstelle von präziser Recherche zugespitzte Skandalisierung, dann läge das auch daran, dass das gebildete Publikum anderes nicht mehr zu zahlen bereit ist. Die wenigsten meiner Studierenden lesen noch eine Tageszeitung, es reichen auch den Klügsten meist die gratis zugänglichen Informationen im Internet.

Im Juni haben die deutschen Akademien kluge Empfehlungen „zur Gestaltung der Kommunikation zwischen Wissenschaft, Öffentlichkeit und den Medien“ vorgestellt. In diesem Text finden sich viele kluge Ratschläge zur Verbesserung der Wissenschaftsberichterstattung. Einer fehlt. Er lautet ganz schlicht: Leute, kauft Zeitungen und lest sie. Es spricht manches dafür, dass sie dann besser werden.

Christoph Markschies ist Theologe und Professor für Kirchengeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin und war von 2006 bis 2010 deren Präsident. Seit 2011 ist Christoph Markschies Vizepräsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.

Pfeil zurück      •  © 2014 by Evangelische Akademie Loccum  •  eal@evlka.de  •  Seite drucken  •         Pfeil nach oben