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Reinhard Mawick

Professor für Kischengeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin
in: Forum Loccum Nr. 3/September 2014

Kirche und Kapital: Ein unvermeidliches Desaster

„Die Kirchensteuererhebung wird für den Bereich der Kapitalerträge modernisiert und vereinfacht“, kann man seit einiger Zeit auf der Website des Bundeszentralamtes für Steuern lesen. Ist das nicht eine gute Nachricht?

Im Prinzip ja, aber leider nicht in der Praxis. Es scheint nämlich so, dass wegen dieser „guten Nachricht“ aus den beiden großen Kirchen in diesem Jahr so viele Menschen austreten werden, wie seit über zwanzig Jahren nicht mehr.

Worum geht es? Seit 2009 wird die Steuer auf Kapitalerträge als Quellensteuer erhoben. Das heißt, sie wird gleich an der Quelle, in diesem Fall der Bank, erhoben und dann anonymisiert an die Staatskasse abgeführt. Auf diese Kapitalertragssteuer wird auch Kirchensteuer fällig.

Nun wurde ein Verfahren entwickelt, das es den Banken unter Beachtung aller komplizierten datenrechtlichen Vorschriften erlaubt, das Konfessionsmerkmal ihrer Kunden zu erheben, damit sie wissen, bei wem sie Kirchensteuer auf Kapitalerträge abführen müssen und bei wem nicht.

Die Briefe der Banken, die seit Ende vergangenes Jahres an Millionen Bankkunden geschrieben wurden, um das Konfessionsmerkmal zu erheben, haben nun offenkundig die Austrittswelle ausgelöst. Jetzt haben auch die Medien das Thema entdeckt, und natürlich macht es einen guten Eindruck, wenn Kirchenvertreter öffentlich zugeben: „Wir hätten unsere Mitglieder vorab besser informieren müssen.“

Aber die Wahrheit ist, dass selbst eine noch so nette und ausgefeilte Vorabinformation der Kirchen an alle (!) Mitglieder die Austrittszahlen eher wohl noch in die Höhe getrieben hätte, denn Hunderttausende, vielleicht gar Millionen, fühlen sich ihrer Kirche kaum oder gar nicht mehr verbunden. Sie hegen schon lange einen Austrittswunsch oder haben fast vergessen, dass sie in der Kirche sind. Ein Brief einer Bank erinnert sie jetzt daran, dass sie eigentlich schon lange austreten wollten.

Was können die Kirchen tun? Eigentlich gar nichts. Ja, natürlich auf Nachfrage artig informieren – und an wirklich gut gemachten Infomaterialien zur Kirchensteuer auf Kapitalerträge gibt es wahrhaft keinen Mangel.

Ansonsten aber müssen sie tapfer hinnehmen, dass die Verfahrensänderung der Kirchensteuer auf Kapitalerträge diese negativen Folgen zeitigt; negative Folgen, die keine noch so ausgeklügelte kirchliche Mitgliederinformation verhindert, sondern eher noch befeuert hätte. Traurig, aber wahr!                                                                     D

Reinhard Mawick,Theologe und Journalist, ist Chefredakteur von „zeitzeichen – Evangelische Kommentare aus Religion und Gesellschaft“ in Berlin..

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