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Foto Sven Papcke

Prof. Dr. Sven Papcke

Professor am Institut für Soziologie der Universität Münster
in: Forum Loccum Nr.2/Mai 1999

Punkt ein Uhr verkündete Kanonendonner die Ankunft des Majestäten, man schrieb den 5. Dezember 1894. Der neue Reichstag in Berlin sollte eingeweiht werden. Der Kaiser kam im weißen Koller seiner Garde du Corps und trug einen Stahlhelm. Vor dem Thronhimmel verlas Reichskanzler Hohenlohe die Urkunde für die Schlusssteinlegung eines Parlamentsgebäudes, das bei Hof "Reichsaffenhaus" hieß.

Das war jetzt am 19. April 1999 anders, als das von Sir Norman Foster verglaste Wallot-Gebäude als Sitz des Bundestages in bürgerlich-gelassener Atmosphäre wiedereröffnet wurde. Ein Bruch der bundesdeutschen Kontinuität steht nicht ins Haus. Die Rückkehr der deutschen Regierung an die Spree signalisiert kein Abrücken vom Atlantik oder gar eine Zuwendung zur Vergangenheit, sondern einen weiteren Schritt zur Überwindung der inneren Teilung des Landes.

Dennoch wird die "Berliner Republik" in Zukunft keine bloße Fortsetzung ihrer Bonner Fasson sein können. Als Mitglied der EU und Partner der Völkergemeinschaft werden an Berlin erhebliche Erwartungen für das burden-sharing bei der internationalen Friedens-, Umwelt- und Wohlstandssicherung herangetragen. In einem risiko-gesellschaftlichen Umfeld fallen vermehrt ordnungsstiftende Lasten an. Sie übergreifen den besonnten Handlungs- und Wahrnehmungshorizont der Rheinlandepoche.

Da in einer Welt der Knappheit indes "das Wölfische dem Lämmchenhaften entspricht" (Adorno), wie nicht nur Serbien der Mitwelt verdeutlicht, sieht sich die junge Berliner Republik gleich ins Wasser der Realpolitik geworfen. Wider Willen, aber hoffentlich auch in Zukunft eher unaufgeregt und im festen Bündnis mit dem Westen.

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