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Foto Cornelia Richter

Cornelia Richter

Professorin für Systematische Theologie, Schwerpunkt Dogmatik und Religionsphilosophie, an der Universität Bonn
in: Forum Loccum Nr. 1/Februar 2014

„Kirche vor Ort neu denken“...
… aus der Sicht einer Dogmatikerin

Kirche2 ist nicht nur ein Spiel mit Potenzen, sondern zeigt potentielle Wirkung: Landauf, landab wird versucht, Kirche neu zu denken, zum Beispiel „vor Ort“ und in ökumenischer Nachbarschaft. Nachgedacht wird dabei vor allem über kirchliche Strukturen und Handlungsspielräume, die viel mit Personalfragen, finanziellen Rahmenbedingungen und räumlichen Gegebenheiten zu tun haben: Welche Aufgaben lassen sich wie zeitgemäß verändern? Wo lassen sich Gottesdienst und Verkündigung so gestalten, dass Menschen von ihnen überrascht werden?

Auffällig an den Gesprächen in Loccum war, dass der Fokus weitgehend auf Kirche als Institution, Beauftragungs- und Handlungsraum lag. So als ob die Suche nach „fresh expressions“ vor allem eine Frage der äußeren Gestaltung sei. „Anfangen, wo Menschen sind, nicht, wo wir denken, dass sie sein sollten.“ Das hieße dann eben, an ungewöhnliche Orte gehen, zu ungewöhnlichen Zeiten predigen – aber heißt es auch, Menschen dort zu suchen, wo sie in ihrem Geiste zu finden sind? Immerhin punktuell scheint sich die Ahnung einzustellen, dass sich mit dem Aufbruch der Formen auch ein Aufbruch in den traditionellen Inhalten des christlichen Glaubens vollziehen muss: „Hunger nach Theologie“ und ein „Theologiedefizit“ wurden beklagt, sehr zur Freude der Dogmatikerin.

Sehr zur Freude, weil es eine Täuschung wäre, das Unzeitgemäße an Kirche auf ihre traditionelle Form (z.B. des sonntäglichen Gottesdienstes) zu reduzieren. Stattdessen gilt es, Kirche aus dem zeitgemäßen Leben heraus mutig neu zu formulieren, und das heißt, die Glaubensinhalte verändert zum Ausdruck zu bringen. Der den biblischen Texten inhärente Alltag muss heute in den Alltag der virtuellen und mobilen Patchworkbiographien hinein transformiert werden, die nicht nur multiperspektivisch und multifaktoriell sind, sondern vor allem polyvalent: Verschiedene Perspektiven und Deutungen treten in einer je eigenen und für den Moment unbedingten Gültigkeit neben die anderen, ohne sie zwangsläufig aufzuheben.

Für den Aufbruch im christlichen Glauben selbst bedeutet das, die Polyvalenz von Gottesbildern und theologischen Figurationen von der Trinität bis zu Teufel und Engelschar ernst zu nehmen und in ihrer – zuweilen widersprüchlichen – Polyvalenz für unser alltägliches Leben durchsichtig zu machen: Gott als „alles bestimmende Wirklichkeit“, der Teil ist traumatisierender Erfahrungen in Berufung und Besonderung. Gott als Geist mit seiner unfassbaren Allpräsenz, der sich ahnen lässt, ohne dass Worte gefunden werden müssten. Gott als Gegenüber menschlicher Idealbilder in Vaterfigur, Mütterlichkeit und kindlicher Naivität. Gott als der Ferne, wenn Leben zu zerbrechen droht, und gerade darin ganz nah zu spüren. Gott in Christus als Realisierung im Menschlichen, wenn Gemeinschaft zugemutet wird – und deshalb trägt. In solcher Polyvalenz theologisch sprachfähig zu werden, heißt dann nicht, die tradierten Formen eloquent repetieren und variieren zu können, sondern den Mut zu haben zu eigener vorstellungshafter wie gedanklich tiefer christlicher Expression: Geist-reich im wahrsten Sinne (und nicht nur) des Wortes.

Der ökumenische Kongress  „Kirche2 – Kirche vor Ort neu denken“ fand im Februar in Loccum statt.

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