Fotocollage
Kontakt | Impressum | Sitemap | Suchen | Home | 

Forum Loccum > Angemerkt > Martin Tamcke

Foto Martin Tamcke

Martin Tamcke

Professor für Ökumenische Theologie an der Georg-August-Universität Göttingen
in: Forum Loccum Nr. 3/September 2013

Arabischer Frühling – davon war mit einigem Recht während der Revolution auf dem Tahrirplatz die Rede. Selbst Kenner der Region zeigten sich überrascht. Sogar ganz kritische Gemüter ließen sich von der Aufbruchstimmung mitreißen. Transformationsfieber griff um sich. Jetzt ist vom Arabischen Winter die Rede.

Dass es zu einem erneuten Umbruch kam, ist wohl angesichts des Verhaltens der Mursiregierung unvermeidbar gewesen. Mursi selbst hat sein Versprechen nicht gehalten, Präsident für das ganze Volk sein zu wollen. Die Zahl derer, die das nicht mehr ertragen oder mittragen konnten, war zu groß. Die Reaktion war nicht einfach ein Putsch. Das Militär hat auf einen landesweiten Massenprotest reagiert und eingegriffen.

Die damit verknüpften Ausschreitungen waren und sind schrecklich. Fatal wirken dabei mehr oder weniger religiös begründete Stilisierungen der betroffenen Gruppen als Opfer und das Gefühl, die Legitimität sei doch eigentlich auf der eigenen Seite. Wie es zu legitimen politischen Ordnungsstrukturen kommen kann, muss aber überhaupt erst ausgehandelt werden. Dafür braucht es von allen Strömungen im Land die Bereitschaft zum Gespräch, zum Kompromiss und Geduld. Denn die Etablierung demokratischer Strukturen im Land ist ein Generationenprojekt. Jetzt brauchen wir intensive Gespräche mit wichtigen Entscheidungsträgern. Sie tragen dazu bei, dass die Regierung deutlich merkt: Wir sind nur eine Übergangsregierung! Solche Gespräche sind auch eine Überlebensfrage für die in Ägypten beheimateten Minoritäten. Koptische Christinnen und Christen stellen elf Prozent der Gesamtbevölkerung. Ein Massenexodus ist völlig indiskutabel. Es geht darum, realistische Zukunftsperspektiven zu entwickeln.

Ich bin froh, dass die Evangelische Akademie Loccum in einem bereits 2010 begonnenen und von Lidwina Meyer verantworteten Young-Leaders-Forum mit einem neu aufgelegten interdisziplinären deutsch-ägyptischen Forschungskolloquium zu Fragen der Religionsbildung und Religionsfreiheit sich für ein solches Projekt engagiert. Loccum ist ja bereits seit 2003 in intensivem Gespräch mit Ägypten und führt so eine gute Tradition fort. Beide Projekte arbeiten mit einem koptischen Kooperationspartner, der zu den größten zivilgesellschaftlichen Akteuren des Landes zählt. Zugleich sind ägyptische Forschungsinstitutionen muslimischer Provenienz einbezogen. Dieser religionsübergreifende Akzent ist zentral. Religionspolitische, überhaupt gesellschaftspolitische Probleme können nicht aus der Perspektive allein einer religiösen Denomination wirksam bearbeitet werden.

Selbst am Kolloquium als Kooperationspartner beteiligt, habe ich gemeinsam mit Stephan Schaede und George Khoury zwei Tage vor Veranstaltungsbeginn das Kolloquium verschieben müssen. Das war Mitte August. Auch das nächste Young-Leaders-Forum musste verlegt werden. Auf einen neuen Termin darf nicht zu lange gewartet werden. Das ist ein Gebot der Solidarität. Im November wollen wir einen erneuten Versuch wagen. Niemand weiß, ob die Lage in Ägypten die Durchführung des Kolloquiums erlaubt. Ich bin froh, dass der Deutsche Akademische Austauschdienst als Geldgeber dieses Wagnis ohne jedes Wenn und Aber mit trägt. Nur solche Wagnisse signalisieren: Winter ist in Ägypten nicht die angesagte Jahreszeit.

Pfeil zurück      •  © 2013 by Evangelische Akademie Loccum  •  eal@evlka.de  •  Seite drucken  •         Pfeil nach oben