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Wolfgang Ullrich

Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit
in: Forum Loccum Nr. 1/Februar 2006

Mehr Mut zeigen!
Kirche als Auftraggeber für moderne Kunst

Auftragskunst scheint eine Sache von vorgestern zu sein; sie besitzt wenig Ansehen. Dabei werden in Zeiten, in denen private Kunstsammler an Bedeutung gewinnen, auch wieder mehr Aufträge an Künstler ausgesprochen als während der gesamten Moderne.

Doch die größten Auftraggeber sind nach wie vor die Kirchen! Zahlreiche Künstler leben von Aufträgen für sakrale Räume und kirchliche Einrichtungen. Dazu gehören auch traditionsreiche Aufgaben: Altargestaltungen, Heiligenbilder, Kirchenfenster.

Vielerorts tut der Kirchenbesucher sich jedoch schwer, den im Auftrag entstandenen Werken eine klare Botschaft zu entnehmen. Sie als Meditationsbilder oder geistige Stimulans für die eigene religiöse Praxis fruchtbar zu machen, ist kaum möglich.

Vielmehr unterscheidet sich der Gang durch eine Kirche mit moderner Kunst nicht vom Aufenthalt in einem Kunstmuseum: Man trifft auf höchst Unterschiedliches, das oft eigensinnig, rätselhaft, monströs ist, doch – unabhängig von der Qualität – vor allem Geste künstlerischer Selbstbehauptung. Wie aber passt das zum Ethos eines Auftrags? Und wieso lassen Auftraggeber es durchgehen?

Tatsächlich sind sie oft unsicher, ob es nicht schon eine Anmaßung darstellt, von einem Künstler etwas zu verlangen. Gerade im Fall der Kirche fällt auf, wie schnell eigene Ansprüche aufgegeben werden, um nicht als intoleranter Auftraggeber zu erscheinen.

So hätte Gerhard Richter sein 2007 fertiggestelltes Fenster im Kölner Dom in Zeiten von Gotik oder Barock kaum völlig anders gestalten können, als der Auftrag es vorgesehen hatte. Dass er sich weigerte, die erbetenen Märtyrer des 20. Jahrhunderts darzustellen, und dafür eine alte eigene Bildidee wiederholte, zeugt von starkem künstlerischem Selbstbewusstsein. Im Ergebnis sieht es so aus, als glaube man in der Kirche mehr an die Kunst und den Namen des berühmten Künstlers als an die eigenen Themen.

In besseren Zeiten hatten Auftraggeber und Auftragnehmer Übung darin, ihre Interessen in einen Ausgleich zu bringen. Das Auftragsverhältnis besaß den Charakter eines Wettstreits, bei dem sich beide Seiten zu Höchstleistungen steigerten.

Von Wolfgang Ullrich ist erschienen: „An die Kunst glauben“ (Berlin 2011); in dem Buch wird das Verhältnis von Kunst und Religion behandelt.

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