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Forum Loccum > Angemerkt > Michael Vester


Prof. Dr. Michael Vester

Professor für Politische Wissenschaft an der Universität Hannover.
in: Forum Loccum Nr. 3/August 1999

Die Kirche sieht sich scheinbar widersprüchlichen Entwicklungen gegenüber. Einerseits ist die Zahl der Mitglieder zurückgegangen. Ehrenamtliches Engagement, Gottesdienste, Kirchenmusik usw. sind oft Sache einer älteren, überwiegend weiblichen Generation. Demgegenüber wird die Kirche bei den "Übergangsriten!" - Taufe, Konfirmation, Hochzeit, Beerdigung - nach wie vor geschätzt. Ist sie hier nur ein "Dienstleister", zu dem eine tiefere Bindung fehlt?

Schon in den fünfziger Jahren hat Klaus von Bismarck, seinerzeit auch Präsident des Kirchentages, diesem Problem eine große soziologische Umfrage gewidmet. Er warb dafür, die so genannten "Milieuverengung" der Kirche aufzubrechen. Es reiche nicht, die kleinbürgerlichen Milieus mit ihrer engen kirchlich-religiösen Bindung anzusprechen. Durch eine andere Ansprache könnten auch andere Milieus erreicht werden, und zwar nicht nur die sozial Bedürftigen oder die akademische Intelligenz, sondern auch die moderne Mitte der Facharbeiter und Angestellten.

Die große Mitte wird auch heute wenig beachtet. Viele sehen bei den individualisierten Jüngeren den Trend, auf den die Kirche sich stärker einstellen sollte. Diese Milieus werden jedoch in ihrem Ausmaß überschätzt und zum Mythos gemacht. Das "postmaterialistische" Milieu umfasst höchstens sieben Prozent, eine vor allem ästhetisch interessierte Elite. Die "erlebnisorientierten" Milieus, mit zwölf Prozent, sind überwiegend "Freizeit-Hedonisten". Ihre Mehrheit geht werktags in die Schule und zur Arbeit - und eine nicht kleine Minderheit sonntags in die Kirche.

Die interessantesten sozialen Gruppen werden weiter unterschätzt, weil sie so wenig spektakulär sind. Zu ihnen gehören vor allem die 30 Prozent modernen Fachangestellten und Facharbeiter. Ein langer Arbeitstag und Familienpflichten hindern sie am sichtbaren Engagement. Trotz ihrer weltlichen Orientierung halten sie am Gemeinschaftsgedanken und den von der Kirche symbolisierten Werten der Verantwortung fest. Ihre Kinder sollen daher religiös erzogen werden, und es ist für sie nicht nur äußerlich, die Kirche bei existenziell wichtigen Übergängen, von der Geburt bis zum Tod, für die angemessene Instanz zu halten.

Über die sozialen Milieus bestehen viele blinde Flecke. Diese waren das Thema des Forschungsprojektes "Kirche und Milieu", das seine Ergebnisse im Oktober in Loccum zur Diskussion gestellt hat.

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