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Texte & Materialien > Jugend & Bildung

Nach dem PISA-Schock

Wie gelingt eine Neuorientierung in der Bildungspolitik?
Loccumer Initiative auf der Tagung vom 25. bis 27. Oktober 2002 gegründet

Pfeil nach rechts Programm der Tagung
Pfeil nach rechts Die Tagungsdokumentation: Loccumer Protokoll Nr. 63/02

"Die Gesellschaft hat eine Schule, an der sie leidet, zu der sie sich aber gleichzeitig keine Alternative vorstellen kann", konstatierte Hermann Lange, Staatsrat a.D. und PISA-Beauftragter der Kultusministerkonferenz, am vergangenen Wochenende auf der Loccumer Tagung "Nach dem PISA-Schock: Wie gelingt eine Neuorientierung in der Bildungspolitik?" Am vergangenen Wochenende diskutierten darüber in der Evangelischen Akademie Loccum 140 Vertreterinnen und Vertreter aus der Bildungsforschung, Schulpraxis, Politik, aus Kommunen und der Wirtschaft.

Auf der Tagung bildete sich unter den Teilnehmern eine Initiative, die einen Anstoß zu einem Richtungswechsel der öffentlichen und bildungspolitischen Debatte geben möchte. Denn: So dringlich die Befunde der PISA-Studie auch eine Neuorientierung in der Bildungspolitik und im Bildungssystem nahe legen, so wenig scheint in Politik und Öffentlichkeit das Bewusstsein dafür entwickelt, dass dies eine offenere und intensivere Auseinandersetzung erfordert als sie gegenwärtig geleistet wird. Benötigt werde, so Hermann Lange, eine umfassende öffentliche und gesellschaftliche Debatte über die Situation unseres Schulsystems und die Veränderungsmöglichkeiten.

Hoch problematisch schätzt Hermann Lange deshalb die sich bereits jetzt abzeichnende Tendenz der Politik ein, vor allem auch in den Reihen der Kultusministerkonferenz, den "Sack möglichst schnell zuzubinden", statt die erforderliche Debatte zu ermöglichen.

Als geradezu verhängnisvoll, so ergab die Diskussion in Loccum, könnte sich deshalb die sich bereits abzeichnende Erwartung auf Seiten der Bildungspolitik erweisen, die Probleme des Schulsystems könnten hinlänglich mit der Erarbeitung von Bildungsstandards, der Durchführung von Leistungstests und einem Zentralabitur gelöst werden - so wichtig diese Instrumente auch sein mögen.

Sehr viel radikaler als bisher müssten sich demgegenüber Politik und Gesellschaft mit dem dramatischen Befund der PISA-Studie auseinandersetzen, dass mittlerweile 25 Prozent der Jugendlichen das deutsche Schulsystem durchlaufen, ohne die Kompetenzstufe zu erreichen, die einen Anschluss an weiterführende Ausbildung überhaupt erst ermöglicht. Das deutsche Schulsystem produziert mehr als die Bildungssysteme aller anderen europäischen Länder Scheitern und Schulversagen. In Deutschland, so Gero Lenhardt, Mitarbeiter des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin, sei die Vorstellung verbreitet, den meisten Schülern sei eine anspruchsvolle Bildung nicht möglich. Das Festhalten an einem gleichsam naturalistischen Begabungsglauben, der Grenzen der Bildungs- und Leistungsfähigkeit der Kinder unterstellt und die sich daraus ableitende Orientierung des gegliederten deutschen Schulsystems auf möglichst homogene Leistungsgruppen führt zu einer Praxis umfassender Auslese, Abstufung und zur Vernachlässigung von Fördermöglichkeiten, obwohl durch die PISA-Studie die leistungssteigernde Funktion von homogenen Lerngruppen hinreichend widerlegt wurde.

Im deutschen Schulsystem bleiben aber in der Folge dieser Selektionspraxis nicht nur beträchtliche Leistungsreserven unausgeschöpft. Die Auslesepraxis führt auch dazu, dass Schüler ihre Erwartungen an die eigene Leistungsfähigkeit früher und radikaler als Schüler anderer europäischer Länder einschränken und ihre Leistungsmotivation zurücknehmen.

Wer sich der Initiative anschließen möchte, kann unter 0 57 66 / 8 11 27 mit Andrea Grimm von der Evangelischen Akademie Loccum Kontakt aufnehmen.

Presserechtlich verantwortlich:
Prof. Dr. Hanna Kiper, Dr. Gero Lenhardt, Prof. Dr. Frank-Olaf Radtke.

Loccumer Initiative 2002 zur Bildungspolitik nach PISA

Die Tagung der Evangelischen Akademie Loccum vom 25. bis 27. 10. 2002 "Nach dem PISA - Schock" hat sich u. a. mit der exzessiven Selektion im deutschen Schulsystem befasst. Hingewiesen wurde insbesondere auf folgendes:

Schüler/innen werden in Deutschland im Unterschied zu anderen OECD-Ländern besonders häufig als nicht schulfähig zurück gestellt.
• Sie bleiben häufiger sitzen.
• Sie werden besonders häufig auf Sonderschulen für Lernbehinderte überwiesen.
• Sie wechseln bereits nach vier bzw. nach sechs Jahren in die mehrgliedrige Sekundarstufe mit ihren unterschiedlichen Niveaus.
• Sie werden häufig auf Schulformen mit niedrigerem Leistungsanspruch herab gestuft.

Jeder dritte 15-jährige Schüler wurde schon einmal zurückgestuft oder ist einmal sitzen geblieben, unter Hauptschüler/innen sogar jeder zweite. Diese extreme Selektivität des deutschen Schulsystems und die damit verbundene Ausgrenzung hat PISA einmal mehr nachgewiesen.
• Im Interesse der Bildungs- und Berufschancen aller Kinder und Jugendlichen,
• im Interesse einer konstruktiven Zusammenarbeit zwischen Elternhaus und Schule,
• im Interesse der europäischen Integration und
• nicht zuletzt aus berufsethischen Gründen
haben Tagungsteilnehmer allen Lehrkräften und Schulleitungen empfohlen, sich für die Förderung ihrer Schüler/innen uneingeschränkt zu engagieren, auf Selektion zu verzichten und die Öffentlichkeit über notwendige, aber fehlende Förderungsmöglichkeiten zu informieren.

Die Kommunen werden aufgefordert, diese Umorientierung der Schulen durch eine Verzahnung von Schulentwicklungs- und Jugendhilfeplanung zu unterstützen.

Bildungspolitik und Verbände mögen diesen Vorschlag und seine Konsequenzen prüfen.

Loccum, den 27. 10. 2002

Unterzeichnet haben bislang u.a.:

Wolfgang Abicht, Dipl.-Pädagoge, Ronnenberg
Helga Akkermann, Vorsitzende des Schulleitungsverbands Niedersachsen
Gerhard Brückner, Dipl.-Psychologe, Dezernent Nieders. Landesinstitut für Fortbildung u. Weiterbildung im Schulwesen und Medienpädagogik, Hildesheim
Regina Brunschön, Studiendirektorin, Hannover
Marianne Demmer, Hauptvorstand GEW, Frankfurt/M.
Herwig Dowerk, Gesamtschuldirektor KGS Neustadt, Neustadt a. Rbge.
Erika Eckert, Lehrerin, Springe
Manfred Eckert, Lehrer, Springe
Angelika Endell, Lehrerin, Duisburg
Stefan Endell, Redakteur, Duisburg
Werner Fink, Oberstudienrat, Georg-Büchner-Gymnasium, Seelze
Erika Gärtner, Hauptseminar-Fachleiterin, Bielefeld
Irdi Gebhard, Lehrerin, Hannover
Karin Holthaus, Studienrätin, IGS Fürstenau, Kettenkamp
Jürgen Hein, Rektor HRS Fössefeld Hannover, Hannover
Prof. Dr. Ulrich Herrmann, Universität Ulm, Ulm
Imma Hillerich, Referentin, Ministerium für Bildung, Jugend und Sport, Potsdam
Gerhard Hildebrandt, Schulleiter, IGS Wilhelmshaven, Wilhelmshaven
Jutta Hörmann, Konrektorin IGS Mühlenberg, Hannover
Karl-Heinz Kahla, Studiendirektor, Schulleitung Robert-Koch-Schule, Clausthal-Zellerfeld
Prof. Dr. Hanna Kiper, Universität Oldenburg, Oldenburg
Wolfgang Kuert, Industrie-Kfm., Schulelternratsvorsitzender, Bad Harzburg
Dr. Gero Lenhardt, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin
Dr. Michael Linke, Universität Hannover, Braunschweig
Dr. Henning Lüders, Berufsschullehrer, Suhlendorf
Renate Ludwig, Burgwedel
Prof. Dr. Otto Ludwig, Universität Hannover, Hannover
Sigrid Maier-Knapp-Herbst, Stadt Celle, Celle
Gabriele Meuer, Lehrerin, Hannover
Thomas Meyer, Studiendirektor, Schulleitung Robert-Koch-Schule, Clausthal-Zellerfeld
Prof. Dr. Peter Meyer-Dohm, Vorsitzender des Bildungsrats beim niedersächsischen Ministerpräsidenten, Cremlingen
Margot Michaelis, Fachseminarleiterin f. Kunst Studienseminar Salzgitter, Braunschweig
Birgit Nieskens, Dipl.-Päd. Universität Lüneburg, Lüneburg
Marianne Paul, RLn/PSLn, Studienseminar Stade, Bliedersdorf
Prof. Dr. Olaf Radtke, Johann-Wolfgang-Goethe-Universität, Frankfurt/M.
Ute Rickers, Lehrerin, Hannah-Arendt-Gymnasium, Barsinghausen
Jutta Roitsch, Bildungsjournalistin, Frankfurt/M.
Ilse Scheibe, Lehrerin, Nienburg/Weser
Dr. Jürgen Schmitter, Vorsitzender der GEW, NRW
Rainer Triller, Sonderschulrektor, Schule am Hagedorn, Deensen
Elke von Slooten, Rektorin, O-Stufe Gesamtschule Schinkel, Osnabrück
Ralf Wilken, FHB-Vertretung bei der EU, Brüssel

 

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