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Texte & Materialien > Religion & Kirche > Interreligiöser Dialog

Wie geht der Dialog weiter?

Referate

Rolf Wernstedt
Präsident des Niedesächsischen Landtages
Haben wir es schon begriffen?
Die Reaktionen auf den Terroranschlag und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft in Deutschland. pdf >

Gerdien Jonker
Philipps-Universität Marburg, Institut für Religionsgeschichte
Ahnungslosigkeit
und Zerrbilder

Zum Verhältnis von Islamischen Organisa-
tionen und Deutscher Öffentlichkeit pdf >

Pfeil nach rechts 7. bis 9. Januar 2002
Religionen im Gespräch über ihre Rolle in der Gesellschaft

Von Akademiedirektor Fritz Erich Anhelm
"Es ist ... absurd, sich irgendeinen politischen Fortschritt vom Dialog der Religionen zu versprechen". So Norbert Bolz am 20. Dezember in der Frankfurter Rundschau. Er hätte es besser wissen können. Aber nach dem 11. September machte es sich einfach gut, den Religionen Dialogunfähigkeit zu bescheinigen und noch besser, diejenigen, die den Dialog zwischen den Religionen suchen und führen, als blauäugige Weltverbesserer hinzustellen.

Wer die intellektualistisch aufgeblasenen Vorurteile beiseite schiebt, wird allerdings erkennen, dass gerade der Dialog der Religionen ungemein praktische Bedeutung für die Substanz des gelingenden Zusammenlebens in der pluralistischen Gesellschaft hat, die immer auch eine religionspluralistische ist. Die vermeintlichen Idealisten sind die eigentlichen Realisten.ĘSie bilden die hermeneutische Kompetenz heraus, ohne die eine sich globalisierende Welt in Blockaden unerklärter Polarisierungen gerät.

So musste die Tagung, zu der vom 7. bis 9. Januar Juden, Christen und Muslime in der Evangelischen Akademie Loccum zusammenkamen, nicht erst danach fragen, ob der Dialog nach dem mörderisch-selbstmörderischen Terrorakt in den USA weitergehen könne. Die Frage war vielmehr: Wie? Die Antwort hieß: Es kann nicht mehr nur ein Dialog zwischen den Religionen über ihre jeweiligen Glaubenswahrheiten sein. Es geht um die Gesprächsfähigkeit der Religionen über ihr Verhältnis zu Gesellschaft und Politik. Und es geht darum die Themenfelder herauszuarbeiten und zu begründen, die diesen Dialog lebensdienlich machen.

Der Präsident des Niedersächsischen Landtages, Rolf Wernstedt, nannte vier Dimensionen als Rahmenbedingungen: die Vergewisserung der eigenen Identität, die Vergewisserung der Identität des oder der anderen, die Definition der Grenzen des Zumutbaren und die Definition der Gemeinsamkeiten. "Die Attentäter vom 11. September", sagte er an anderer Stelle weiter, "wähnten sich offenbar im Zustand religiöser Rechtfertigung. Dass dies auch unter islamischen religiösen Gesichtspunkten ein Irrtum ist, muss dargelegt werden. Dazu können wir nicht viel beitragen, sondern das muss Resultat islamischen Denkens und islamischer Auseinandersetzung sein. Denn begriffen haben wir noch lange nicht genug."

Bekir Alboga vom Institut für deutsch-türkische Integrationsforschung und interkulturelle Arbeit in Mannheim nahm den Ball auf. Dass Politik und Religion in Mohammed vereint gewesen seien, sei noch kein Grund, dies heute "nachzuahmen". Der Begriff des "Gottesstaates" sei im Koran nicht zu finden. Ahmed Aries sprach von einem abrahamitischen Grundgestus des Judentums, Christentums und des Islam, der neu herausgearbeitet werden müsse, ohne die religionskulturellen Unterschiede zu verwischen. Und Imam Mehdi Razvi (Hamburg) mahnte an, die notwendige und mögliche Regelung der alltagspraktischen Probleme akzeptanzfähigen Zusammenlebens (Rechtsverständnis z.B. in Bezug auf Heirat und Scheidung, Einführung islamischen Religionsunterrichts ins öffentliche Schulwesen, u.s.w.) nicht durch Vorurteilsbildung zu verstellen.

Über ein offenes Gesprächsforum in Kleingruppen (Open Space) schälten sich am Ende der Tagung fünf Themenkomplexe heraus, die nach Meinung der Teilnehmenden kontinuierlicher Weiterarbeit bedürften:

1. Klärung der Motive und Ziele des Dialogs
Es ist ein bedeutender Unterschied im Habitus, ob Verteidigung und Angriff oder der pragmatische Wille zur Verständigung den Dialog bestimmen, insbesondere wenn es um Regelungen des praktischen Zusammenlebens geht. Diese Ebene der Klärung von unterschiedlichen Rechtsverständnissen, der Teilhabe am öffentlichen Leben und den Angeboten des Bildungssystems (z.B. Religionsunterricht) ist ebenso wichtig wie der Versuch, historisch gewachsene Muster gegenseitiger Wahrnehmung aufzuklären. Gerade hier bedarf es besonderer wechselseitiger hermeneutischer Kompetenz.

2. Lenkung des Dialogs auf säkulare Prozesse hin
Der traditionelle Religionsdialog bedarf der Öffnung für säkulare Fragestellungen, die von theologisch-ethischer Bedeutung sind. Hier geht es nicht nur um Glaubenswahrheiten, sondern vorrangig um den Beitrag der Religionen zum öffentlichen Diskurs. Die Religionen müssen ihre öffentliche Relevanz neu entdecken, damit die Gesellschaft die Bedeutung der Religionen für ihre politische Kultur wiederentdecken kann. Religionen sind nicht nur Privatsache, sondern auch öffentliche Angelegenheit. So kann der Dialog zwischen den Religionen auch zum Gegenstand der öffentlich verantworteten politischen Bildung werden.

3. Ausweitung der Akteure
Wie können auch diejenigen in den Dialog einbezogen werden, die ihn für irrelevant halten? Der Dialog der Religionen darf kein Nischendasein führen. Welche Akteure sollten in ihn einbezogen werden, damit er in die Breite wirken kann? Welches sind die Themenfelder, die einen religionsimmanenten Dialog gesellschaftlich anschlussfähig machen? Träger des Dialogs müssen, ja dürften nicht nur die Religionsgemeinschaften selbst sein. Er geht alle wesentlichen zivilgesellschaftlichen Akteure an, denn die Religionsgemeinschaften selbst sind auch - in ihren unterschiedlichen Organisationsformen - Akteure der Zivilgesellschaft.

4. Religionen und Gewalt
Zwischen den Religionen und auf ihre Rolle in der Gesellschaft hin muss die Frage nach ihrem jeweiligen Verhältnis zur Gewalt geklärt werden. Dies betrifft nicht nur die Theologie -, sondern auch die Religionsgeschichten. Es betrifft aber besonders das Verhältnis der Religionen zu Staat und Recht. Wer ist Träger legitimer Gewalt und wo beginnt sie in illegitime (willkürliche) Gewalt umzuschlagen? Welche Rolle spielen die Religionen als Begründungsfaktor und ideologischer Resonanzboden für politisch motivierte Gewalt? Kommt ihnen ein Widerstandsrecht gegen staatliche Gewaltanwendung zu? Und wenn ja, unter welchen Bedingungen? Welche Rolle spielen sie in Gewaltregulierungs-, vermeidungs- und Versöhnungsprozessen?

5. Öffentliche Wahrnehmbarkeit von Verständigungsprozessen
Der Dialog zwischen den Religionen über ihre Rolle in der Gesellschaft bedarf zu seiner breiteren Akzeptanz nachvollziehbarer Erfolgsgeschichten. In ihnen erweist er sich als lebensdienlich. Diese Erfolgsgeschichten müssen zu öffentlicher Darstellung führen, wenn sie wahrgenommen und stimulierend wirken sollen. Auch insofern kommt es darauf an, dass der Dialog nicht nur an sich geführt wird, sondern über sich selbst hinausweist.

Am Ende der Tagung stand so also gleichsam eine Tagesordnung für die Intensivierung und die gleichzeitige Verbreiterung des Dialogs. Sie abzuarbeiten, erscheint lohnend. Dazu aber wird ein langer Atem notwendig sein.

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