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Texte & Materialien > Religion & Kirche > Johannes Rau

Johannes Rau in Loccum

Pfeil nach rechts 3. bis 5. März 2000
Kirche im pluralen und globalen Dialog
Tagung de Evangelischen Akademie Loccum
zum 10-jährigen Jubiläum der Hanns-Lilje-Stiftung

Pfeil nach rechts Programm der Tagung
Pfeil nach rechts Die Tagungsdokumentation: Loccumer Protokolle Nr. 11/00

Foto: Johannes Raus und Bischoefin Margot Kaessmann

Begrüßung von Johannes Rau in Loccum:
(v.l.n.r.): Renate Jürgens-Pieper, Kultusministerin des Landes Niedersachsen; Dr. Margot Käßmann, Landesbischöfin der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers, Dr. Fritz Erich Anhelm, Akademiedirektor; Bundespräsident Johannes Rau; Hans May D.H., Vorsitzender des Kuratoriums der Hanns-Lilje-Stiftung; Prof. Dr. Eduard Lohse, Abt des Klosters Loccum (Foto: dpa)

OTON
Bundespräsident Johannes Rau plädiert für islamischen Religionsunterricht in Deutschland (20 min)  Real-Audio-Datei >

Im Wortlaut:
Drei Bischöfe, ein Landtagspräsident, eine Ministerin, hohe Geistlichkeit und dann Hanns Lilje. Der jetzt 100 wäre, wenn er noch lebte. Und wie gern würde ich von ihm erzählen, von den Begegnungen, die ich mit ihm gehabt habe seit den 40er Jahren. Am stärksten dann 1954 in Celle. Damals nannte man das noch Reichstagungen. Und er war Festprediger. Und es war schon interessant, das sage ich nur für die Insider, er hielt den Eröffnungsgottesdienst und ein anderer, ein rheinischer Pfarrer, hielt den Schlußgottesdienst. Und beide hatten den gleichen Text. Und sagten ganz verschiedene Sachen. Wie gerne würde man erzählen von diesem weltläufigen, hochgebildeten, sprachgewaltigen Mann, den ich auch hier in Loccum oft erlebt habe. Der die Breite und die Tiefe des gesellschaftlichen und des kulturellen Lebens wie kaum ein anderer erfaßt hat. Wie gern würde man ihn in diesem Jahr über Johann Sebastian Bach reden hören. Über den er geschrieben hat. Wie gern würde man würdigen, was er für diese Akademie bedeutet hat, für das Luthertum, für den Protestantismus in Deutschland. Aber das alles ist nicht das, was Sie mir aufgegeben haben zu sagen. Sondern ich soll etwas sagen über das Gespräch zwischen Politik und Kirche, zwischen Politik und Theologie. Ich soll etwas sagen über die Kirche im pluralen und globalen Dialog.

Das ist das Thema dieser Tagung. Es entspricht ganz, wenn ich es richtig sehe, dem Wirken Hanns Liljes. Ihm ging es darum, die Ökomene, das christliche Handeln in weltweiter Verantwortung zu sehen. Und wir reden darüber heute am Weltgebetstag der Frauen. Wir reden darüber an einem Tag, an dem Christen in aller Welt durch gleiche Hoffnungen und Sorgen verbunden sind. Und die Worte, mit denen heute in vielen Kirchen um Frieden gebetet wird, stammen von Frauen aus Indonesien und aus Timor. Um welchen Frieden geht es? Wenn wir an Timor denken, dann ist es keine Frage. Es geht zuerst um die elementarste Form von Frieden, um Schutz und Sicherheit vor den Gefährdungen um Leib und Leben. Das gilt auch für die Region in Indonesien, in denen es in den letzten Wochen blutige Auseinandersetzungen gegeben hat. Wer das ein wenig kennt, der wie ich Gelegenheit hatte, mit dem indonesischen Präsidenten Wahid über diese Ereignisse zu sprechen, der weiß, etwa auch aus der Begegnung mit dem Moderator der Batta-Kirche, der weiß, es sind religiöse Unterschiede, es sind verschiedene Glaubensüberzeugungen, die genutzt werden, um Haß und Zerstörung aufzustacheln. Freilich kann der Hinweis auf religiöse Verschiedenheit uns nicht befriedigen, wenn man die Ursachen dieser Auseinandersetzungen wirklich verstehen will. Denn generationenlang haben Christen und Muslime im indonesischen Archipel friedlich miteinander gelebt. Woher kommt diese plötzliche Eruption in Südostasien oder in Zentral- und Westafrika?

Jeder Konflikt hat vielfältige Ursachen. Friede wird auf unterschiedlichste Weise gefährdet. Manch ein Konflikt, wir müssen nicht Irland übersehen, ist religiös oder ethnisch motiviert. Jedenfalls vordergründig. Sehen wir genauer hin, stellen wir fest, es gibt auch soziale und es gibt wirtschaftliche Hintergründe. Zunehmend lebt diese Welt in einer Verflechtung der wirtschaftlichen Abläufe. Das kann Krisen verschärfen, das kann sie beschleunigen. Und gerade in Südostasien haben die Menschen erst vor wenigen Monaten erleben müssen, welch dramatische Wirkungen das haben kann. Innerhalb von Wochen ist in mehreren Ländern Wohlstand vernichtet worden, der über Jahre und Jahrzehnte aufgebaut worden war. Unter anderem auch deshalb, weil es keine gleichmäßige Verteilung dieses Wohlstands gab. Weil es eine kleine Gruppe gab, die die Mehrheit des Kapitals in ihren Händen und unter ihrer Kontrolle hielt. So ist auf ganz neue Art die Existenz der Einzelnen in die Abhängigkeit wirtschaftlicher Abläufe hineingeraten, die der Einzelne nicht beeinflussen kann. Aber nicht nur die materiellen Lebensgrundlagen sind gefährdet. Sondern den Gesetzen des schrankenlosen, des globalisierten Marktes ist die elementare Erfahrung fremd, dass der Mensch auf Bindungen angewiesen ist.

Wir werden freilich die Herausforderungen der Globalisierung nicht meistern, wenn wir uns einigeln, wenn wir den Kopf in den Sand stecken, wenn wir die unbestreitbaren Vorteile weltwirtschaftlicher Zusammenarbeit ignorieren würden. Es gibt entsprechende Versuche. Aber alle nationalen, oft genug auch nationalistischen, Alleingänge führen in die Sackgasse. In vielen Ländern sind es gerade Religionsgemeinschaften, die die vermeintliche Überlegenheit isolierter Lösungen propagieren. Aus dieser Ausgrenzung und Abgrenzung ergeben sich neue Gefahren. Ich glaube, dass hier die christlichen Kirchen gefordert sind. Sie müssen im weltweiten, interreligiösen Dialog dafür werben, dass wir nicht mehr das Trennende betonen, sondern nach Gemeinsamkeiten suchen.

Das ist ein schwieriger Prozess. Das ist ein Prozess, der Umdenken fordert, der neues Nachdenken etwa über den Begriff der Mission oder missionarischen Kirche nötig macht. Aber mir scheint es im Augenblick dringend nötig, dass wir die Globalisierung nicht zum Schreckgespenst und nicht zum Sündenbock des neuen Jahrhunderts werden lassen. Wer sie in Bausch und Bogen verdammt, der begibt sich großer Chancen. Der Chancen einer vorteilhaften Arbeitsteilung, verbesserten Ressourcennutzung, vereinfachter Zugänge zur Bildung. Und weil das so ist, darum ist mir der Dialog der Religionen besonders wichtig. Sie haben, Herr Dr. May, darauf hingewiesen, dass ich vor kurzem in Israel Vertreter der drei monoteistischen Religionen zum Gespräch eingeladen habe. Juden, Muslime und Christen. Ich hatte das vorher schon, im Dezember, in Bosnien-Herzogowina getan. Und ich will es an vielen Orten und zu vielen Gelegenheiten tun. Denn es gibt eine bemerkenswerte Diskussion. Es gibt einen Dialog darüber, unter welchen Belastungen und mit welchen Hoffnungen Weltreligionen zusammenarbeiten können. Wie Toleranz zustande kommt. Und zwar eine Toleranz, die nicht Beliebigkeit mit Toleranz verwechselt.

Ich habe später in Ägypten mit dem Großscheich gesprochen. Selbst der Titel war mir unbekannt. Aber es ist schon faszinierend, das zu erleben und wenige Tage später dann zu sehen, wie der gegenwärtige Papst sich mit diesem großen Scheich trifft. Wie er dann nach St. Katharina reist. Zu jener Pilgerstätte, die viele von uns schon seit vielen Jahren kennen. Und es ist hochinteressant, wie wir in den drei großen Weltreligionen zuerst einmal Zeit brauchen, um uns abzugrenzen von denen, die die Weltreligionen nur in ihren fundamentalistischen Ausprägungen kennen. Der Dialog der Kulturen muss etwas anderes sein als internationale Reisediplomatie. Wir begegnen ja nicht nur im internationalen Gespräch den anderen Religionen. Sondern, Sie haben darauf hingewiesen, längst und alltäglich in unseren Städten und Gemeinden. Wie oft aber sind dort diese Begegnungen ohne wirkliche inhaltliche Auseinandersetzung. Es ist ja zu Recht darauf hingewiesen, die drittgrößte türkische Stadt der Welt ist Berlin. Istanbul, Ankara, Berlin. Das sind die Städte mit den meisten türkischen Einwohnern.

Es ist offenbar leichter, selbst in Berlin, vorbeizuschauen, wegzusehen, sich abzuwenden, bei sich selber zu bleiben, statt sich hinzuwenden und zu versuchen, zu verstehen. Die Menschen, die aus anderen Ländern zu uns nach Deutschland gekommen sind, haben ihre örtliche Bindung aufgegeben, nicht aber ihre geistige, nicht ihre religiöse. Darum haben sie einen Anspruch darauf, dass sie ihre religiösen Überzeugungen praktizieren und ihren Kindern weitergeben können. Freilich können und müssen wir erwarten, dass sie die Grundsätze unseren politischen und gesellschaftlichen Zusammenlebens achten. Dass sie unsere Sprache lernen, dass sie den Boden des Grundgesetzes als ihr Fundament annehmen. Aber sie müssen unsere religiösen Überzeugungen nicht übernehmen.

Das Bundesverwaltungsgericht hat kürzlich in einer Entscheidung gerade das wieder in unsere Erinnerung gebracht. Und mit dieser Entscheidung zugleich die Frage aufgeworfen, wie und durch wen islamischer Religionsunterricht erteilt werden könnte. Es gibt darauf, meine Damen und Herren, keine leichte, keine einfache Antwort. Der Staat ist angewiesen, auf verlässliche, auf verfassungstreue Partner. Auch in den anderen Religionen. Aber es gilt auf jeden Fall, nach meiner Überzeugung, daß das Anliegen unserer islamischen Mitbürgerinnen und Mitbürger gerechtfertigt ist. Und die Politik muss, wo das noch nicht geschehen ist, Lösungen finden.

Darum appelliere ich an alle Verantwortlichen, sich aktiv und schnell um solche Lösungen zu bemühen. Nach meiner Überzeugung spricht vieles für ein Wahlpflichtfach Religion, wo es das noch nicht gibt. In vielen Ländern hat sich das Modell seit langem bewährt. Beide Seiten, der Staat und die Religionsgemeinschaften finden die Gewähr, ihre Ziele zu verfolgen, ihre Anliegen wahren zu können. Der Staat kann und darf seinen Bürgern ihren Glauben nicht vorschreiben. Nur insofern stimmt der Satz, dass Religion Privatsache ist. Nur insofern. Der Staat darf das genauso wenig wie er von ihnen Religionslosigkeit verlangen darf. Und darum muss er in seinen Schulen Raum schaffen, damit Bekenntnisse vermittelt werden können. Durch Lehrer, die angemessen ausgebildet sind, die in deutscher Sprache unterrichten und die das unter der allgemeinen Schulaufsicht tun. Nach meiner Überzeugung wird im Rahmen eines Wahlpflichtfaches, das neben Religion auch Philosophie und Ethik anbieten, sollte auch islamischer Religionsunterricht seinen Platz finden können.

Der aktuellen Debatte liegt die tiefergehende Frage zugrunde, welchen Ort islamische religiöse Überzeugung kulturelle Identitäten künftig in unserem Land haben sollten. Wie schmerzhaft das ist, konnte man in Nordrhein-Westfalen erkennen, als die Frage um den Muezzinruf in Duisburg kirchenspaltenden Charakter bekam. Unter anderem auch, weil zu Zeiten, in denen Koran geschrieben wurde, Mikrophone noch nicht üblich waren. Und die elektrische und elektronische Übertragung des Rufes sich Mohammed nicht gestellt hat. Ich bin überzeugt davon, für den Dialog der Kulturen im eigenen Land brauchen wir Beharrlichkeit und Geduld. Und die evangelischen Akademien gehen dabei schon lange mit gutem Beispiel voran.

Ich habe am Anfang von der Globalisierung gesprochen. Ich komme darauf noch einmal zurück. Denn die großen Kirchen haben mit ihrem gemeinsamen Wort für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit in die Diskussion über die Umbrüche in unserer Zeit auf eine für mich wegweisende Art und Weise eingegriffen. Das gemeinsame Wort verweist in seinem Kern darauf, dass die Marktwirtschaft einen Rahmen braucht, weil der Markt selber wertblind ist. Im Sozialwort heißt es dazu, das Leistungsvermögen der Volkswirtschaft und die Qualität der sozialen Sicherung sind wie zwei Pfeiler einer Brücke. Man sollte das bei allen aktuellen Diskussionen im Sinn behalten. Wir sollten uns nicht einreden lassen, die große Errungenschaft des zurückliegenden Jahrhunderts, nämlich das Streben aller gesellschaftlichen Kräfte nach sozialer Gerechtigkeit, sei nicht mehr zeitgemäß.

Weder die modernen Kommunikationsmethoden, noch die Rationalisierungschancen oder die Vorteile des Out-Sourcing haben den Solidaritätsgedanken obsolet gemacht. Er ist dringender und nötiger denn je. Und gerade der Solidaritätsgedanke macht deutlich, dass unser Staat auf Voraussetzungen beruht, hier greife ich das auf, was Sie, Herr May, gesagt haben, die er nicht selber schaffen kann. So hat es Ernst Wolfgang Böckenförder einmal formuliert. Weil das so ist, darum dürfen und sollen und müssen die Kirchen, so meine ich, mutiger auf ihre Botschaft als die zentrale Quelle unserer Wertordnung verweisen. Und sie sollten dabei deutlich machen, dass bestimmte Werte und Normen einander bedingen. Dann zeigt sich, dass manche Weltanschauung, die aus angenehmen Versatzstücken zusammengebastelt ist, nur bei schönem Wetter taugt.

Das kann und darf natürlich nicht heißen, jede Welt sich auszugrenzen, die nicht religiös begründet ist. In einer Zeit der zunehmenden Säkularisierung, die immer mehr auch den Westen unseres Landes erfasst, gewinnen solche Anschauungen offenbar zunehmend an Bedeutung. Bis zu dem Satz: Ich bin Atheist, Gott sei Dank. Die Kirchen müssen also, meine Damen und Herren, verstärkt eintreten in den Dialog mit anderen Denk- und Deutungsmustern. Es gibt ein Impulspapier zum Verhältnis von Protestantismus und Kultur im neuen Jahrhundert, in dem die evangelischen Kirchen diesen Dialog in einem wichtigen Bereich aufgenommen haben. Und viele evangelische Christen drängt es seit langem, die Haltung des Protestantismus zur Gegenwartskultur neu zu bestimmen. Ich glaube, dass diesem Konsultationsprozess ein dialektischer Ansatz zugrunde liegt. Kultur ist auf dieprägenden, auf die kritischen Kräfte des christlichen Glaubens bleibend angewiesen. Und der christliche Glaube seinerseits wird nur im lebendigen Austausch mit der gegenwärtigen Kultur verständlich und zugänglich. Selbstbewusst gepaart mit Aufgeschlossenheit, das sind nach meiner Überzeugung die Pfeiler, über die die Kirche hier die Brücke zur Welt schlagen könnte. Das scheint mir ein Handeln zu sein ganz in der Tradition Hanns Liljes. In einer Zeit, die nach meiner Überzeugung besonders danach verlangt, dass die Kirche ihre Botschaft kraftvoll sagt.

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