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Rückblick auf:
Grenzwertig

Zwang und Gewalt in der Pflege
Tagung für angehende Altenpflegekräfte (BBS)
Evangelische Akademie Loccum
Nr. 23/17 vom 15. bis 17. Mai 2017

Was kann getan werden, um die Wahrnehmung für die verschiedenen offensichtlichen und subtilen Formen von Zwang in der Altenpflege zu schärfen? Wie kann mit Gefährdungssituationen oder mit Verweigerungen der Pflegebedürftigen professionell umgegangen werden? Was lässt sich am „System Altenpflege“ ändern, um Gewalt zu verhindern und Zwang zu vermeiden? Mit diesen Fragen beschäftigte sich eine Pflegeethik-Tagung der Evangelischen Akademie Loccum vom 15. bis 17. Mai 2017. Am Rande der Veranstaltung führte der Evangelische Pressedienst folgendes Interview durch:

Pädagogin Adele Ihnen: Pflegende müssen sensibel für Zwang und Gewalt sein


©EAL-Florian Kühl

Sozialpädagogin Adele Ihnen auf der Pflege-Tagung in Loccum

Loccum/Bremen (epd). Pflegekräfte in Heimen oder pflegende Angehörige sollten aus Sicht der Bremer Pädagogin Adele Ihnen besonders sensibel für Situationen von Zwang und Gewalt sein. "Pflege ist eine sehr enge Beziehung zwischen zwei Menschen, die oftmals eigentlich gar nicht eng miteinander verbunden sind", sagte Ihnen am Mittwoch am Rande einer Tagung der Evangelischen Akademie Loccum bei Nienburg im epd-Gespräch. Vor allem wenn die Pflegenden überfordert seien, könnten sich größere und kleinere Aggressionen zu einer Spirale der Gewalt hochschaukeln, unterstrich die Pädagogin, die das Bremer Forum gegen Gewalt in Pflege und Betreuung mit gegründet hat.

Manche Patienten verlangten beispielsweise sehr ungeduldig, dass der oder die Pflegende etwas für sie tun solle. Dann könne es zu Vorwürfen oder Demütigungen kommen, oder sie verweigerten das Essen. Pflegende ignorierten als Reaktion mitunter die Wünsche der Pflegebedürftigen oder forderten von ihnen Fähigkeiten, über die sie nicht mehr verfügten wie selbstständiges Zähneputzen, Stehen oder Sprechenmüssen.

"Immer dann, wenn Zwang ausgeübt wird, wenn der Respekt verloren geht gegenüber der anderen Person, müssen wir das als Gewalt erkennen", betonte Ihnen. Dann sei es Zeit, einen Pflegedienst um Rat zu fragen und Veränderungen einzuleiten, etwa durch höhere Pflegegrade. "Wenn jemand pflegebedürftig ist, gehört das nicht mehr nur in den Privatbereich", sagte die Pädagogin. "Das ist eine Aufgabe, die einer alleine nicht lösen kann."

Die Spirale von Aggression und Gewalt könne bis hin zu Schlägen oder Misshandlungen reichen. Solche Fälle seien zum Glück selten, erläuterte Ihnen: "Wir müssen nicht davon ausgehen, dass jeden Tag schwere Misshandlungen in Altenheimen oder Familien passieren." Es gehe jedoch darum, die Anfänge zu erkennen und die Spirale möglichst früh zu durchbrechen, um eine Eskalation zu vermeiden.

"In der Pflege gibt es viel Stress, da gibt es Zeitdruck, da gibt es Leistungen zu erledigen, die der Patient vielleicht nicht möchte, die man aber trotzdem umsetzen muss", erläuterte die Sozialpädagogin. Oft gebe es wenig Zeit zur Kommunikation, um klar zu machen, dass eine bestimmte Leistung jetzt wichtig für den anderen sei. Mit mehr Geld allein lasse sich das Problem nicht lösen: "Gewalt gehört zu unserem Verhaltensrepertoire als Mensch. Sie kann überall entstehen und sich ihren Weg suchen."   

epd-Gespräch: Michael Grau 


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