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Rückblick auf:
Gott zur Sprache bringen
Die homiletische Herausforderung, neu buchstabiert
Tagung der Evangelischen Akademie Loccum
Nr. 31/17 vom 23. bis 25. Juni 2017

Über Sprachspiele des Glaubens und das Leben in Gottes Gegenwart

Interview mit PD Dr. Hartmut von Sass, Systematische Theologie, Universität Zürich  

Du hast hier auf der Tagung einen Vortrag über die „Gotteslehre 2017“ gehalten und dabei provokant vom Ende der der Theologie gesprochen. Was meinst Du damit?

„Ende meint, dass es keine neuen Konstellationen gibt. Das bedeutet nicht, das Spiel ist aus, die Theologie ist vorbei und der Glaube ist an sein Ende gelangt, das ist nicht gesagt. Und doch habe ich den Eindruck, dass wir in der deutschsprachigen neueren Theologie einen Erschöpfungszustand haben, in dem die Konstellationen, die in Anträgen, in Vorlesungen, in Vorträgen als neu vorgetragen werden, alle schon einmal durchgespielt worden sind.“

Wie kann dieser Erschöpfungszustand der Theologie überwunden werden?

„Der eine Versuch war der Import von außen. Das bedeutet, dass man sich Anregungen von anderen Wissenschaften holt, damit irgendetwas Neues passiert. Dadurch ist etwas entstanden, das ich etwas polemisch ‚Handelsdefizit’ genannt habe, weil der Import tatsächlich immer nur von außen kam. Die Beispiele sind bekannt: Psychoanalyse, Systemtheorie, philosophische Anleihen. Jetzt sind es eher Überlegungen, die aus dem Bereich der Gefühls- oder Emotionsforschung kommen, und da ist einiges passiert, z.B. mit Blick auf den Begriff des Vertrauens. Man hat etwas sehr Fruchtbares versucht, aber die Grundkonstellation ist für die Gotteslehre weitgehend die gleiche geblieben.

Der zweite Punkt, den ich nennen möchte: Es ist eine Situation entstanden, in der wir ein Spektrum von möglichen theologischen Positionen haben und am Ende, an den beiden Endpolen dieses Spektrums, stehen zwei große Namen: einerseits Friedrich Schleiermacher und andererseits Karl Barth. Beide sind natürlich selbst von ihren eigenen Vertretern kritisiert und weitergedacht worden, aber die Konkretion der These vom Ende der Theologie wäre: Wir haben im Grunde genommen mehr Vermittlungstheologien, die die Kritik der anderen Seite schon in sich abbilden und nun irgendwo zwischen Schleiermacher und Barth stehen und aus diesem Spektrum nicht herauskommen können, also jedenfalls in der Gotteslehre nicht.“

Warum ist es heute – eventuell auch für Systematiker – so schwierig von Gott zu sprechen?

„Natürlich haben wir eine soziale Situation, die mit den Stichworten Privatisierung der Religion, Säkularisierung in Ostdeutschland, woher ich komme, und überhaupt einer ‚forcierten Säkularisierung’ zu tun haben. Man kann sich ja auch weiterhin fragen, ob es noch andere Gründe als diese sozialen gibt, und da kommen mir besonders zwei Formen in den Sinn, wo man weiterdenken müsste. Es gibt eine kirchliche Atmosphäre, die es nicht leichter macht, bes. junge Menschen zu erreichen, und das andere ist sicher auch die Verantwortung der Theologie, die häufig abgekoppelt bleibt vom gesellschaftlichen Diskurs, aber auch von kirchlichen Anliegen – das wäre ja im Grunde ihr eigentliches Aufgabenfeld.“ 

Welche Möglichkeiten gäbe es denn, diesen Graben zwischen akademischer Theologie und Kirche zu schließen oder zumindest kleiner zu machen?

„Zunächst einmal kann man sich ja fragen, warum es eigentlich so ist, dass die Theologinnen und Theologen diese Kirchenferne haben. Das ist zunächst einmal die bestimmte Art der Ausbildung von uns, die ein kirchliches Engagement kaum honoriert. Akademisch betrachtet ist es wichtiger, das nächste Buch zu schreiben, als ordinierter Pfarrer zu sein. Die Frage ist, ob man diess revidieren kann, also ob man die internen, karrieregeleiteten, in einem hoch kompetitiven, agonalen System fest implementierten Dynamiken durchbrechen kann. 

Aber, die Litanei über diesen Graben könnte man auch positiv wenden und sagen: ´Das ist die Irritation, die die akademische Theologie der kirchlichen Praxis bietet´. Da ist ein Graben, und die Distanz, die er schafft, hat auch etwas Produktives.“

Die Tagung hier in Loccum stellt die zentrale Frage, auf welche Weise man heute von Gott sprechen kann. Wie würdest Du von Gott sprechen, wenn Dich jemand mit völlig säkularem Hintergrund nach Gott befragt? 

„Es gibt hier in Loccum viele Stimmen, die mit Quasi-Theismus und einem stark personalistischen Gottesbild argumentieren. Dabei spielt die Analogie zwischen Akteuren und den Wirkungen ihrer Aktionen, wie wir das bei Menschen haben, eine große Rolle. Jemand ist eine Person und tut etwas. Doch ich behaupte, dass diese Unterscheidung, dieser Dualismus, bei Gott nicht funktioniert. Das hört sich zunächst abstrakt an, wird aber sofort konkret, und zwar würde ich sagen, dass es in der Gotteslehre keine Unterscheidung gibt in diesem handlungstheoretischen, diesem ontologisch aufgeladenen Sinn zwischen einem Akteur, den wir Gott nennen und als Person verehren, und seinen Wirkungen an den Menschen. Ich würde dafür plädieren, diesen Dualismus aufzugeben.

Man redet nicht mehr von irgendeiner Superperson oder wie Ebeling es gesagt hätte, einem ‚metaphysischen Gespenst’, sondern man redet davon, wie Gott im Leben von Menschen wirkt, die sich im Gebet neu verstehen. Also, sie leben in Gott, sie beten nicht zu Gott. Es ist also ein Raum, eine lokale Metapher, die nicht mehr forensisch funktioniert gegenüber einem personalen Gott.

Das Plädoyer, hier auf der Tagung, für die Öffnung der Theologie zur Kosmologie, halte ich für den ganz falschen Weg; wir haben diese Konstellation alle schon vor und während der Aufklärungszeit durchlaufen und wir wissen, wie dieser Kampf zwischen Naturwissenschaften oder einer naturwissenschaftlichen Kosmologie und einer angeblich theologischen ausgefallen ist: Die Religion und ihre theologische haben verloren, aber darauf hat die Theologie längst konstruktiv reagiert. Warum sollen wir diese alten Grabenkämpfe – wieder eine lokale Metapher – noch einmal führen?

Wir sollten theologisch-therapeutisch agieren und fragen, wo denn dieser Dualismus entstanden ist. Deshalb das anti-dualistische Plädoyer: Lasst uns die Unterscheidung zwischen Akteur und Wirkung aufgeben, und dann wird es konkret, wo Gott im Leben von Menschen wirkt. Wenn ich also in so eine Situation komme, würde ich versuchen, einige Schritte hinter mich zu bringen, um diesen Vorschlag, der immer noch recht theoretisch-theologisch klingt, etwas zu konkretisieren; ich würde versuchen, ihn dadurch klarer zu machen, dass nicht nur die eigenen Sprachspiele gespielt werden, sondern auch die der Anderen.“

Loccum, 24. Juni 2017; Interview: Florian Kühl


©EAL/Florian Kühl

PD Dr. Hartmut von Sass (Zürich) bei seinem Vortrag auf der Tagung in Loccum


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