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Rückblick Teil 1 auf:
Bildungsstrategien gegen Antisemitismus
im Kontext antirassistischer Bildung
Tagung für Lehrkräfte aller Schulformen, Fachkräfte der Jugend(sozial)arbeit und der Schulsozialarbeit

an der Evangelischen Akademie Loccum
Nr. 53/17 vom 28. bis 30. August 2017

"Mir stockt jedes Mal der Atem" - Pädagogen diskutieren in Loccum schwierigen Umgang mit Antisemitismus an Schulen

Loccum/Kr. Nienburg (epd). Den Ausdruck "Du Jude!" hat Janik Hinrichs auf dem Schulhof schon oft mit angehört. "Vor allem in den Pausen", erzählt der 18-jährige Berufsschüler aus der Krummhörn in Ostfriesland in der Evangelischen Akademie Loccum bei Nienburg. "Du Jude!" bedeutet als Schimpfwort soviel wie "Du Opfer!" Vor allem jüngere Schüler in den unteren Klassen redeten so. "Gerade solche, die noch nie richtig darüber nachgedacht haben." Harmlose Jugendsprache oder schon handfester Antisemitismus? Und was tun? Darüber haben rund 50 Teilnehmer aus Schule, Bildung und Wissenschaft bei einer Loccumer Tagung beraten, die am Mittwoch zu Ende ging.

Stets dabei im Hintergrund: Der Fall eines jüdischen Schülers aus Berlin-Friedenau, den seine Eltern im Frühjahr von der Schule nahmen, nachdem er von muslimischen Mitschülern beleidigt und körperlich angegriffen worden war. Die Schule, die den offiziellen Titel "Schule ohne Rassismus" trug, hatte den Eltern mitgeteilt, die Lehrer könnten die Sicherheit ihres Sohnes nicht mehr garantieren, wie die Sozialwissenschaftlerin Julia Bernstein aus Frankfurt/Main in Loccum berichtete. Generell fühlten sich viele Lehrer überfordert mit dem Thema.

Mit dem Zuzug vieler Juden aus Osteuropa seit den 1990er Jahren habe auch die schon überwunden geglaubte Judenfeindlichkeit in Deutschland wieder zugenommen, erläuterte Michael Fürst vom Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen. "Und wir müssen uns überlegen, wo führt das hin?" Rund 250.000 Juden leben nach seinen Angaben derzeit wieder in Deutschland - bis 1989 waren es gerade einmal 28.000. "Wir sehen auf einmal wieder Juden auf der Straße, die sich erkennbar machen."

Allerdings stellte der streitbare Verbandsvorsitzende gleich zum Auftakt der Tagung eine provozierende These in den Raum: Wenn ein Schüler gedankenlos ein Hakenkreuz auf den Tisch kritzele, müsse er deswegen nicht gleich ein hartgesottener Antisemit sein. "Ich wehre mich dagegen, jedem zu unterstellen, er sei Antisemit." Kritiker müssten vorsichtig mit solchen Zuschreibungen umgehen. Es komme immer auf die Situation an.

Das stieß auf den entschiedenen Protest der in Israel geborenen Professorin Bernstein, die dem Unabhängigen Expertengremium des Bundes zum Antisemitismus angehört. "Wir unterschätzen den Einfluss der Sprache, die unser Denken konstruiert", betonte sie. Judenfeindliche Begriffe aus der NS-Zeit blieben belastet und müssten deshalb sorgfältig reflektiert werden.

Sprache und Symbole prägen die Menschen. Als in einmal in einem voll besetzten Bus gesessen habe und jemand wegen der Enge und der schlechten Luft ausrief "Das ist ja hier zum Vergasen", sei sie als Jüdin zusammengezuckt und habe eine Woche lang darüber nachgegrübelt, erzählte die Wissenschaftlerin.

Auch der Emder Gymnasiallehrer Kai Gembler stört sich an solchen achtlos hingeworfen Begriffen. "Mir stockt jedes Mal der Atem, wenn ich höre: Du Jude!", sagte er. "Ich würde das auf jeden Fall thematisieren, gerade deshalb, weil es scheinbar ohne Bedeutung ist." Der antisemitische Tabubruch sei inzwischen vom rechten Rand in die Mitte der Gesellschaft gerückt.

Was aber können Pädagogen konkret gegen Antisemitismus tun? Jeder Schüler solle mindestens einmal in seiner Schullaufbahn eine Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus besuchen, schlug Michael Fürst vor. Das Problem seien dabei allerdings oft muslimische Kinder. "Die sagen: Was haben wir damit zu tun?" Für sie dürfe ein solcher Besuch nicht zu einer Art Klassenfahrt werden.

Der Emder Berufsschullehrer Gero Conring hat sich in einem Projekt auf die Spuren der letzten im Zweiten Weltkrieg verschleppten ostfriesischen Juden geheftet. In Archiven im polnischen Lodz sowie in Aurich und Emden suchten er und seine Schüler wie Janik Hinrichs nach Lebenszeugnissen der Deportierten und stießen etwa auf Postkarten. Conring ist überzeugt: "Wenn ich es auf das Schicksal der Einzelnen herunterbreche, habe ich eher die Chance, Schüler zu begeistern, als wenn ich mit Ideologie komme."

Von Michael Grau (epd)


Rückblick Teil 2 auf:
Bildungsstrategien gegen Antisemitismus
im Kontext antirassistischer Bildung
Tagung für Lehrkräfte aller Schulformen, Fachkräfte der Jugend(sozial)arbeit und der Schulsozialarbeit

an der Evangelischen Akademie Loccum
Nr. 53/17 vom 28. bis 30. August 2017

Sanem Kleff: Anmerkungen zur Tagung "Bildungsstrategien gegen Antisemitismus im Kontext antirassistischer Bildung"

Die Tagung greift mit „Bildungsstrategien gegen Antisemitismus im Kontext antirassistischer Bildung“ ein Thema auf, dessen Relevanz bundesweit für den Schulalltag offensichtlich ist. Antisemitismus ist schließlich kein Phänomen das der Vergangenheit angehört, sondern er begegnet uns aktuell in allen Bereichen unseres Alltags: an verschiedenen Orten, in unterschiedlichen Erscheinungsformen und vorgebracht von Menschen aller Altersgruppen, Geschlechter und Gesellschaftsschichten.

Die Tagung richtet den Blick insbesondere auf Kinder und Jugendliche als Träger antisemitischer Haltungen und auf die Rolle der für sie sozialisationsrelevanten Institutionen, insbesondere der Schulen. Dabei wird thematisch ein weiter Bogen gespannt und entsprechend werden auch viele Fragen aufgegriffen: wann geht es überhaupt um Antisemitismus, wer genau sind die Antisemiten, was wissen wir über ihre Motivlagen und warum wird das Thema oft unter den Teppich gekehrt?

Vor allem aber: wie gehen wir effektiv gegen Antisemitismus vor? Die Tagung bettet konzeptionell die Präventionsansätze gegen Antisemitismus in den Kontext der antirassistischen, rassismus- und diskriminierungskritischen pädagogischen Arbeit. Dies entspricht sehr dem Handlungsansatz, den das Netzwerk Schule ohne Rassismus-Schule mit Courage verfolgt. Wir vertreten einen multidimensionalen Präventionsansatz, der weder die Ursachen für die Entstehung des Antisemitismus monokausal erklärt, noch einfache Lösungsansätze propagiert, die wie mit einem Zauberstab, den Antisemitismus und am besten damit auch gleich alle anderen Formen menschenverachtender Ideologien, in der Klasse, auf dem Schulhof und in der Gesellschaft behebt.

Die Auseinandersetzung mit allen Arten von Verschwörungstheorien mag in dem Zusammenhang auf den ersten Blick weit von diesem Anliegen ablenken, aber wie in dem entsprechenden Workshop am zweiten Tag deutlich wurde, verkörpern alle Verschwörungstheorien, egal ob es sich bei ihnen um die im Studio nachgestellte Mondlandung, die Machenschaften von Außerirdischen oder der Pharmaindustrie geht, die Grundmuster des Antisemitismus. Schließlich basiert der Antisemitismus ganz wesentlich auf irrationalen, quasi esoterischen Annahmen und speist seine Überzeugungskraft aus ihnen.

Die Zeitplanung der Tagung wirkte sich sehr positiv auf die Diskussionsmöglichkeiten aus. Fragen wie antisemitismussensible Bildungsarbeit an Schulen gestaltet werden kann, warum es sie bislang nicht im ausreichendem Maße gibt, warum der Begriff in der Regel mit der Auseinandersetzung der Zeit des Nationalsozialismus und des Holocaust verbunden wird, wurden aufgegriffen. Eine zentrale Frage war, ob der von Muslimen geäußerte Antisemitismus eine Gefahr ganz neuer Art darstellt und durch die Zuwanderung von muslimischen Geflüchteten aus dem Nahen Osten diese Gefahr größer wird. Welche Rolle spielt dabei der Islamismus als politische Ideologie der Ungleichwertigkeit und welche die Religion des Islam? Wie reagiere ich als Pädagogin auf antisemitische Äußerungen eines Drittklässlers und die eines Siebzehnjährigen?

Natürlich konnten nicht alle Fragen in der zur Verfügung stehenden Zeit beantwortet werden. Aber ich nehme viele positive Eindrücke von PädagogInnen, WissenschaftlerInnen und anderen Akteuren mit, die sich täglich in beeindruckender Weise in ihrem jeweiligen Tätigkeitsfeld dafür einsetzen, dass dem Antisemitismus konsequent entgegen gewirkt wird.


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