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Rückblick auf:

Diverse Identität
Theologische Annäherungen an das Phänomen Intersexualität

Tagung der Evangelischen Akademie Loccum
Nr. 79/17 vom 6. bis 7. Dezember 2017

©EAL/Florian Kühl
Lucie Veith, Bundesverband Intersexuelle Menschen e.V., Schortens, beim Vortrag in Loccum


Intersexuelle Menschen fordern neues Identitätsgesetz -
Lucie Veith: "Genitalverstümmelung" muss ein Ende haben

epd-Gespräch: Martina Schwager

Loccum/Wilhelmshaven (epd). Intersexuelle Menschen sind nach der Anerkennung eines "dritten Geschlechts" durch das Bundesverfassungsgericht optimistisch, dass sich ihre Situation verbessern wird. "Ich habe die Hoffnung, dass vor allem das Leid der Genitalverstümmelung bald ein Ende hat," sagte Lucie Veith vom Bundesverband für Intersexuelle Menschen mit Sitz in Schortens bei Wilhelmshaven am Mittwoch dem Evangelischen Pressedienst (epd). Die zahlreichen positiven Reaktionen, die sie seit dem Urteil am 8. November auch von vielen nicht intersexuellen Menschen erhalten habe, zeigten, dass es eine breite gesellschaftliche Akzeptanz für ein drittes Geschlecht gebe.

Ein neues Identitätsgesetz, dass in den Ministerien bereits in der Schublade liege, könne als Mantelgesetz alle betroffenen Rechtsbereiche an das neue Urteil anpassen. Sie hoffe, dass das Gesetz möglichst bald auf den Weg gebracht werde, sagte Veith am Rande einer Tagung zur Intersexualität in der Evangelischen Akademie Loccum bei Nienburg. "Ich glaube, dass es eine Mehrheit dafür im Bundestag geben wird."

Intersexuelle Menschen haben sowohl männliche als auch weibliche Geschlechtsmerkmale. Nach Schätzungen trifft dies auf 80.000 bis 120.000 Menschen in Deutschland zu. Bis heute sei es medizinische Praxis, intersexuelle Kinder zu operieren, um sie eindeutig zu Jungen oder Mädchen zu machen, sagte Veith. Die 61-Jährige ist selbst als Mädchen aufgewachsen und heiratete einen Mann, bevor sie mit 23 Jahren erfuhr, dass sie intersexuell ist.

Eltern würden zur Zustimmung gedrängt mit dem Argument, ihre Kinder hätten später unter Diskriminierungen zu leiden, wenn sie nicht eindeutig als Mann oder Frau gälten, sagte Veith. Schwere körperliche und psychische Beeinträchtigungen auch aufgrund der anschließenden dauerhaften Hormonbehandlung seien häufig die Folge. "Diese schwere Menschenrechtsverletzung muss ein Ende haben."

Ein Verbot von kosmetischen Operationen an Genitalien ohne Einwilligung der betreffenden Person sei jetzt zwingend. Ein solcher Eingriff sei nichts anderes als vorsätzliche schwere Körperverletzung.

Wichtig sind Veith grundlegende Änderungen in der Medizin und der Rechtsprechung. Kaum bekannt sei etwa, dass viele intersexuelle Menschen sexualisierter Gewalt ausgesetzt seien. Ein weiteres Problemfeld sei die mangelhafte Forschung im Blick auf die Hormonkunde für erwachsene Intersexuelle. "Zugleich hat die Medizin bis heute die Oberhand über uns Intersexuelle."

Das Bundesverfassungsgericht hatte entschieden, dass es im Geburtenregister künftig neben "männlich" und "weiblich" einen alternativen Geschlechtseintrag für intersexuelle Menschen geben muss. Dadurch werde erstmals in Deutschland anerkannt, dass es keine Krankheit sei, mit intersexuellen Geschlechtsmerkmalen geboren zu sein, sagte Veith.

epd-Gespräch: Martina Schwager

 

INTERSEXUALITÄT

Loccum/Wilhelmshaven (epd). Intersexuelle Menschen können nicht eindeutig einem Geschlecht zugeordnet werden. Ihre Chromosomen, Hormone, Keimdrüsen und Genitalien weisen sowohl männliche als auch weibliche Elemente auf. Nach Schätzungen trifft dies auf 80.000 bis 120.000 Menschen in Deutschland zu. Experten nehmen an, dass in Deutschland jedes Jahr rund 150 bis 200 Kinder mit uneindeutigem Geschlecht zur Welt kommen.

Intersexualität hat viele Variationen, und nicht alle sind sofort an einem auffälligen Genital sichtbar. Die Ursachen können in den Geschlechtschromosomen oder in den weiblichen und männlichen Sexualhormonen liegen. Manche intersexuelle Menschen sehen weiblich aus, haben aber statt Gebärmutter und Eierstöcken Hoden im Bauchraum.

Lange versuchten Ärzte, intersexuelle Kinder nach den medizinischen Möglichkeiten einem Geschlecht zuzuordnen - meist dem weiblichen, weil dies operativ leichter herzustellen schien. Selbsthilfeverbände wie der Verein "Intersexuelle Menschen" verurteilen diese Eingriffe heute als Menschenrechtsverletzung.

Mittlerweile empfehlen neue Leitlinien größte Zurückhaltung bei der Behandlung und eine Einbeziehung der Kinder. Umstritten ist aber, inwiefern eine Entfernung von im Bauchraum liegenden Hoden wegen eines höheren Krebsrisikos nötig ist. Analysen zufolge variiert das Risiko je nach Form der Intersexualität.

Das Bundesverfassungsgericht entschied am 8. November, dass es im Geburtenregister künftig einen alternativen Geschlechtseintrag für intersexuelle Menschen geben muss wie etwa "inter/divers" oder nur "divers".  Das Personenstandsgesetz erlaubte bislang nur die Wahl zwischen "männlich" und "weiblich" oder den Verzicht auf die Eintragung des Geschlechts.

## Internet:

Informationen über Intersexualität beim Verein "Intersexuelle Menschen": http://u.epd.de/v2w

Stellungnahme der Bundesärztekammer zur Versorgung intersexueller Menschen: http://u.epd.de/v2x

Leitlinien der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften zu Intersexualität: http://u.epd.de/v2z

Stellungnahme des Ethikrats: http://u.epd.de/v5s



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