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Nobelpreisträger und andere Gottessucher: T.S. Eliot, Elie Wiesel und Tschingis Aitmatov in Loccum

7. Folge der Anekdoten-Serie zur Geschichte der Akademie anlässlich ihres 80jährigen Jubiläums im Jahr 2026

„Was haben ihre Veranstaltungen eigentlich (noch) mit der Kirche oder dem Glauben zu tun?“ Diese Frage begegnet uns in der Akademie in verschiedenen Varianten und von verschiedenen Seiten immer wieder, denn die wenigsten Tagungen stehen tatsächlich unter einem explizit kirchlichen oder theologischen Thema. Aber in vielen Tagungsformaten, insbesondere bei „Tiefenbohrungen“, die in grundsätzliche Zeitfragen oder ethische Probleme vordringen, kommen sie dann doch: die Fragen nach Gott, nach dem Glauben und der Bedeutung der Kirche für unsere Welt und die Gegenwart.

Ein offenbar prädestiniertes Tagungsformat für diese Weitung in geistliche Horizonte hinein bilden immer wieder die so genannten Autorentagungen. Hierzu werden Intellektuelle aus Deutschland und auch aus dem Ausland nach Loccum geladen, um im thematisch freien Raum über Kunst und Literatur, Politik und Zeitgeschehen zu debattieren. Nobelpreisträger wie T.S. Eliot und Elie Wiesel sind dabei sowie gefeierte Schriftsteller wie Tschingis Aitmatov, Peter Rühmkorf oder Alexander Kluge. Dabei bringen sie jeweils ihre eigenen Geschichten über Gott, Glaube und Kirche mit. Alles eingebettet in die jeweilige historische Situation und in die drängenden Fragen, die sich jeweils stellten.

Als beispielsweise T.S. Eliot im September 1949 in die Akademie (damals noch in Hermannsburg) kommt, liegt die Verleihung des Nobelpreises an ihn gerade einmal ein Jahr zurück und die Bundesrepublik ist erst ein paar Monate alt. In der Akademie, in der sich so wenige Jahre nach dem Krieg viele Menschen versammeln, deren „Wesenskern zerstört“ ist, sucht man nach Orientierung. Als überzeugter anglo-katholischer Christ versucht Eliot diese Orientierung zu geben, indem er an die Kraft christlich geprägter Institutionen und Traditionen erinnerte. Zugleich ist er tief davon überzeugt, dass christlich geprägte Literatur (also auch seine) missionarisch und rettend auf die Gegenwart wirken könne.[1]

Elie Wiesel kommt im Mai 1986 nach Loccum. Seinen Friedensnobelpreis wird er erst wenige Monate später erhalten. Das war ein Glück, denn im Trubel danach findet Wiesel keine Zeit mehr, um nochmals nach Loccum zu kommen. Elie Wiesel hat als osteuropäischer Jude den Holocaust in Birkenau und Auschwitz überlebt, während fast seine ganze Familie ermordet wird. Seinen Glauben an Gott gibt er dennoch nie auf. In Loccum liest er aus seinem Buch „Die Nacht“ vor und kehrt auf erschütternde Weise den Vorwurf um, warum Gott in Auschwitz nicht eingegriffen habe. Er beschreibt, wie zwei Erwachsene und ein Kind vor den angetretenen Gefangenen und der Lagerleitung gehängt werden. Der kleine Junge wird im stummen Todeskampf von Mitgefangenen als der leidende Gott identifiziert, dem eben diese ruchlose Tat von Menschen zugefügt wird, ohne dass auch nur einer eingreift.[2]

Tschingis Aitmatov besucht Loccum zwei Jahre später im Frühling 1988. Glasnost und Perestroika prägen die Stimmung. Als sowjetisch-kirgisischer Schriftsteller erfreut sich Aitmatov damals großer Beliebtheit in Ost und West. Obwohl nicht unkritisch gegenüber dem kommunistischen Regime, gehört er doch zur Nomenklatura und ist überzeugter Atheist. Das hält ihn aber nicht davon ab, Gott und die Religion etwa in seiner Erzählung „Placha“ – „Der Richtplatz“ zur Sprache zu bringen. Dieses Werk stellt er ins Zentrum seines Besuchs in Loccum. Freilich begegnet den geladenen Gästen in Aitmatows Werk ein Christus, der ganz „im Idiom der Aufklärung“ spricht. Was auf der Tagung auch zu Irritationen führt. Mit dem Besuch in Loccum aber verbindet er die Hoffnung eine „moderne Theologie“ als mächtigen Verbündeten für einen „neuen Pazifismus“ zu finden. „Ich schließe sogar die Unterstellung nicht aus, dass ich mich hier auf den Weg der Gottessuche begeben hätte.“[3]

Text: Florian Kühl

[1] Alle Informationen und Zitate zu T.S. Eliot finden sich hier: Gespräch mit T.S. Eliot in der Evangelischen Akademie Hermannsburg am 5. November 1949, S. 1-15.

[2] Alle Informationen zu Elie Wiesel finden sich in: Forum Loccum 2-1986, S 19-25.

[3] Alle Informationen zu Tschingis Aitmatov in: Loccumer Protokolle 16/88, S. 189 ff., Zitat, S. 195.