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„Nicht nur eine Sache der Männer“ – Frauen in der Evangelischen Akademie Loccum

8. Folge der Anekdoten-Serie zur Geschichte der Akademie anlässlich ihres 80jährigen Jubiläums im Jahr 2026

22. September 1985 – ein Moment, der vieles sichtbar macht

Vom 20. bis 22. September 1985 richtet die Evangelische Akademie Loccum eine deutsch-polnische Tagung zum Thema „Die Förderung des Friedens in Europa“ aus. Der Norddeutsche Rundfunk dokumentiert die Veranstaltung in einem einstündigen Fernsehbeitrag.

Auf dem Schlusspodium formuliert der Bundestagsabgeordnete Otto Schily diesen Gedanken: Frieden, so betont er, sei nicht allein Sache von Politik und Institutionen, sondern liege in der Verantwortung der Menschen selbst. Und dann fügt er hinzu – fast beiläufig, aber mit spürbarer Wirkung –, dass auch die deutsch-polnischen Beziehungen „nicht nur eine Sache der Männer“ seien.

Ein Kameraschwenk ins Publikum zeigt, was er meint: Zwischen den Reihen sitzt mit der Bundestagsabgeordneten Margitta Terborg eine einzelne Frau – unter vielen Männern. Ein leises Raunen geht durch den Hörsaal.

Ein Blick in die Teilnehmerliste bestätigt diesen Eindruck eindrücklich: Unter den 25 Referierenden – gerade einmal eine Frau. Die Quote unter den 131 Teilnehmenden liegt mit sieben Frauen nicht viel höher.

Diese wenigen Teilnehmerinnen treten meist in spezifischen Rollen auf: als hospitierende Studentin, wissenschaftliche Mitarbeiterin, Dolmetscherin, Medienvertreterin oder als Begleitung ihrer referierenden Männer. Die politische und inhaltliche Bühne ist männlich besetzt. 

Ein Spiegel ihrer Zeit

War die Evangelische Akademie Loccum in ihren ersten Jahrzehnten eine männlich dominierte Institution? Die Antwort lautet: Ja. Sie war ein Spiegel der gesellschaftlichen Verhältnisse in Politik, Kirche und Wissenschaft der Nachkriegszeit. 

Und doch: Frauen waren da

Trotz der strukturellen Dominanz traten Frauen immer wieder hervor – punktuell, aber wirkungsvoll.

Schon früh setzte die Philosophin Jeanne Hersch mit einem Vortrag Akzente. Im Jahr 1961 sorgte die Staatsanwältin Barbara Just-Dahlmann mit einem vielbeachteten Beitrag zu politischen Prozessen für Aufsehen in Fachkreisen.

In den 1980er Jahren brachten Stimmen wie Rita Süssmuth neue Perspektiven ein, etwa mit ihrem Vortrag über „Zärtlichkeit und Macht“. Auch internationale Gäste wie Condoleezza Rice erweiterten den Horizont der Akademie – 1983 in einer Diskussion über Wege zum Frieden.

Später folgten prägende Persönlichkeiten wie Hildegard Hamm-Brücher oder Angela Merkel, die 1991 als Bundesministerin für Frauen und Jugend in Loccum sprach.

Frauen in Verantwortung – ein langsamer Wandel

Auch innerhalb der Akademie selbst blieb weibliche Präsenz in der Leitung sehr lange die Ausnahme. In der Studienleitung arbeiteten mit Stella Seeberg (Studienleiterin bei der Forschungsstelle 1948-1958), Renate Kneisner (1962-1970) und später Susanne Habicht-Erenler (1987-1991) nur sehr wenige Frauen – zudem mit großen zeitlichen Abständen zwischen den einzelnen Berufungen.

Seit den 1990er Jahren stieg der Anteil weiblicher Studienleiterinnen kontinuierlich, sodass die Studienleitung schrittweise paritätisch besetzt wurde. Mit Verena Grüters übernahm 2021 erstmals eine Frau die Leitung der Evangelischen Akademie, und auch ins Jubiläumsjahr geht Loccum mit einer Direktorin, nämlich Julia Koll. 

Themen, die Frauen sichtbar machten 

Parallel dazu lassen sich im Programm der Akademie selbst Spuren eines allmählichen Wandels erkennen. Schon früh gab es berufsspezifische Tagungen für Männer und Frauen, ab 1948 spezielle Tagungen für Frauen in sozialen Berufen, für Pfarrfrauen oder Krankenschwestern.

Ab den 1950er Jahren wurden Frauen auch als eigenständige gesellschaftliche Akteurinnen thematisiert:

  • 1956: Die Frau im Beruf: eine Tagung für weibliche Führungskräfte
  • 1962: Die Stellung der Frau im öffentlichen und privaten Bereich
  • 1964: Mann und Frau in der Leistungsgesellschaft
  • 1975: Emanzipation der Frau (zwei Tagungen im April und Juni)
  • 1982: Zärtlichkeit und Macht: Selbsterfahrung und Politik der Geschlechteremanzipation

Weitere Tagungen folgten.

Zwischen Präsenz und Unsichtbarkeit

Das organisatorische Rückgrat der Akademie – das Sekretariat – war von Beginn an weiblich geprägt und blieb lange unsichtbar. Hier sorgten Frauen für Kontinuität, Planung und Durchführung.

Die Geschichte der Frauen in der Evangelischen Akademie Loccum ist damit keine Randnotiz – sondern Teil ihrer Entwicklung. Zwischen Präsenz und Unsichtbarkeit, zwischen Teilnahme und Gestaltung zeigt sich ein Wandel, der bis heute nicht abgeschlossen ist.

Welche Stimmen wurden gehört – und welche fehlen noch?

Haben Sie Ergänzungen, Anmerkungen oder eigene Erlebnisse mit der Evangelischen Akademie Loccum? Teilen Sie Ihre Erfahrungen gerne mit uns!

Text: Britta Papenhausen (Bibliothekarin an der Evangelischen Akademie Loccum)

Medien

Die Förderung des Friedens in Europa: Perspektiven der Verständigung zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Volksrepublik Polen ; Dokumentation einer Tagung der Evangelischen Akademie Loccum vom 20. bis 22. September 1985 / Herausgeber: Hans May; Horst Westmüller. – Rehburg-Loccum : Evangelische Akademie Loccum, 1985. – 318 Seiten – (Loccumer Protokolle ; 1985,72)

Fernsehbeitrag:

Das Montagsthema: Die Förderung des Friedens in Europa: Tagung der Evangelischen Akademie Loccum vom 20. bis 22. September 1985 / Moderation: Peter Gatter. – NDR, 1985.