„Was ist das für ein Stein dort auf dem Altar?“ Diese Frage stellen viele Gäste verwundert, wenn sie in Loccum erstmals die Kapelle der Akademie betreten oder an einer Andacht teilnehmen. Dort steht er auf dem Altar, ein roher Ziegelstein, aufrecht, wie ein Ausrufezeichen. Er ist in Bronze gefasst und ragt zwischen Bibel, Kerzen und einem frischen Blumenstrauß mahnend hervor. Darüber erhebt sich das an der Decke hängende Kruzifix.
Den Stein hatte Hans May, der von 1978 bis 1994 Akademiedirektor war, dort ganz bewusst aufgestellt. May war mit Mitgliedern der Studienleitung 1978 nach Auschwitz gefahren und brachte den Stein aus dem Konzentrationslager mit. In der Akademiekapelle aufgestellt, sollte er „ein stummer Zeuge böser Taten“ und zugleich „ein Symbol der Erneuerung“ [1] sein.
Diese Interpretation hing mit Mays Vorstellung von Wahrheit zusammen, der man sich unbedingt stellen müsse, sei sie auch noch so schmerzlich und hart. Er war überzeugt: Nur die Konfrontation mit der Wahrheit, in diesem Fall mit den NS-Verbrechen, mache frei „für die Zukunft“ [2]. Das betonte er mit Verweis auf den Stein aus Auschwitz bei einer Andacht zur Autorentagung mit Elie Wiesel 1986.
Der Wahrheit der NS-Verbrechen stellte sich die junge Bundesrepublik aus eigener Kraft erst 1963 mit Beginn der Frankfurter Auschwitzprozesse. Die beiden maßgeblichen Juristen der Aufarbeitung, Generalstaatsanwalt Fritz Bauer und Staatsanwältin Barbara Just-Dahlmann wurden aber bereits im Vorfeld 1961 zur Tagung „Politische Prozesse heute“ nach Loccum eingeladen.
Was sie auf der Tagung über die von ihnen recherchierten NS-Verbrechen und über die enormen Widerstände gegen deren Strafverfolgung in der noch jungen Bundesrepublik berichten mussten, macht auch heute noch sprachlos. Damals führten ihre Vorträge in Loccum zu bundesweiter Aufmerksamkeit und zur Berichterstattung etwa im SPIEGEL.[3] Mit den in Loccum angekündigten Ermittlungsverfahren gegen die Justiz im Dritten Reich sollte „das spektakulärste Verfahren der deutschen Justiz-Geschichte“[4] beginnen, schrieb der SPIEGEL.
[1] Erinnerung und Zukunft. In: Hans May, Erinnern und gestalten. Biblische Überlieferungen und politische Kultur. Hannover, 1996, S. 149.
[2] Ebd.
[3] Der Spiegel, Nr. 51/1961, S. 38 – 39.
[4] Der Spiegel, Nr. 51/1961, S. 39.