Wer Tagungen in Loccum kennt, der schätzt sie auch deshalb, weil hier „ein geschützter Raum“ für Debatten und Diskussionen geboten wird. Das heißt: Meinungen, Argumente und Thesen, die hier in die Arena des gesellschaftspolitischen Gesprächs eingebracht werden, dürfen riskant sein, weil sie nicht ungefragt veröffentlicht und dann an einen analogen oder digitalen Pranger gestellt werden. So kann im Idealfall der freie und ehrliche Austausch über ideologische Grenzen hinweg gelingen.
Doch diese freie Debatte war selbst an der Akademie schon öfters gefährdet. Zum Beispiel auf einer Tagung im Jahr 1981. Sie trug den Titel „Die Realisierung eines Grundrechts. Zur Diskussion über das Demonstrations- und Versammlungsrecht.“[1] Dabei wurde die Diskussion über das Demonstrationsrecht beinahe und ironischerweise zum Opfer einer Demonstration und für einen prominenten Teilnehmer der Tagung verwandelte sich der „geschützte Raum“ in einen Ort der unmittelbaren Gefahr. Während einer Podiumsdiskussion brachen zirka 50 bis 60 vermummte und behelmte Demonstranten in den Hörsaal der Akademie ein. Ihre Wut richtete sich gegen den amtierenden Berliner Innensenator Heinrich Lummer (CDU), den sie als Mörder bezeichneten, weil er in ihren Augen für den Tod des Hausbesetzers Klaus-Jürgen Rattay in Berlin verantwortlich sei.
Lummer musste mit zwei Sicherheitsbeamten durch die Küche in den Sozialraum der Akademie flüchten. In diesem behelfsmäßigen „Panic Room“[2] harrte er etwa zwei Stunden lang aus, bis die Demonstranten wieder friedlich abzogen. Die Entschärfung der Lage war vor allem dem klugen und erfahrenen Tagungsleiter Dr. Jörg Calließ zu verdanken. Der im vergangenen Jahr verstorbene Historiker hatte von Anfang an auf eine friedliche Lösung gesetzt. Ihm war auch die ausgewogene Referentenliste der Tagung zu verdanken. Neben dem konservativen Law-and-Order-Senator aus Berlin waren auch linksalternative Ikonen wie Otto Schily und Jo Leinen sowie zahlreiche weitere Politiker aller Parteien eingeladen.
Der gesellschaftspolitische Hintergrund der Tagung war allerdings noch dramatischer als die Ereignisse in Loccum selbst. Der Terrorismus der RAF führte in den 70er und 80er Jahren zu einer Polarisierung in der Gesellschaft. Linksextremistische Unterstützergruppen der RAF, die etwa offen mit der Ermordung des Generalbundesanwaltes Siegfried Buback sympathisierten und in Demonstrationen das Gewaltmonopol des Staates infrage stellten, führten zu immer härteren Gegenmaßnahmen der Exekutive, etwa dem Vermummungsverbot und weiteren Einschränkungen des Demonstrations- und Versammlungsrechtes. In diese brandgefährliche Entwicklung schaltete sich die Akademie mit ihrem Angebot einer Tagung ein. Im Vorwort zum Protokoll der Tagung schrieb Jörg Calließ überzeugt: „Es bleibt schließlich für uns als Evangelische Akademie die Verpflichtung, an dem Versuch festzuhalten, das Gespräch zwischen kontroversen Gruppen in unserer Gesellschaft offenzuhalten.“[3]
[1] Die Realisierung eines Grundrechts. Zur Diskussion über das Demonstrations- und Versammlungsrecht. Tagung vom 4. bis 6. November 1981. Loccumer Protokolle 23/1981. Alle weiteren Informationen zu den Ereignissen sind in dem Protokoll und insbesondere im umfangreichen Pressespiegel ab S. 259 zu finden.
[2] So bezeichnet man einen speziell geschützten Sicherheitsraum in privaten Wohnungen und Häusern in den USA.
[3] Loccumer Protokolle 23/1981, S. 3.