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Hoffnungs-Expert*innen

Ein Beitrag von Studienleiter Christian Brouwer

Die Fernsehkanäle sind voller Expert*innen. Das ist zwar kein ganz neuer Befund, aber die Sondersendungs- und Talkshow-Dichte und mit damit die Expert*innen-Präsenz auf unseren Bildschirmen sind in den letzten Wochen noch einmal gestiegen. Da sitzen dann (natürlich inzwischen unter Wahrung des Sicherheits-Abstands) im Studio nebeneinander Virologen, Epidemiologinnen, Politik-Expertinnen und Wirtschafts-Experten (die manchmal auch -Weise heißen dürfen) und diskutieren miteinander. Ihre Worte haben Gewicht in dieser Zeit, sie haben etwas und wichtiges zu sagen und sie werden gehört, ihre Ratschläge werden befolgt.

Während ich mal wieder von Expertin zu Experte blicke und ihnen zuhöre, weil es mich natürlich auch interessiert, denke ich mir: da fehlt ein Hoffnungs-Experte. Oder eine Hoffnungs-Expertin. Denn diejenigen, die jede positive Entwicklung der Zahlen immer sofort mit der Einschränkung, für Entspannung oder nur einen Trend sei es viel zu früh, versehen, sind Expert*innen in vielem, nicht aber in Hoffnung. Deutlicher noch wurde mir das gestern morgen, als mir beim Lesen einer Schlagzeile sämtliche Gesichtszüge entglitten sein müssen. Von ‚ganz oben‘ wurde da versprochen, dass mit dem Ende der Pandemie auch alle Beschränkungen des öffentlichen Lebens wieder aufgehoben würden. Ja, bitte schön, was denn sonst? Könnte es dazu wirklich eine Alternative geben? Das kann doch nicht ernsthaft die Hoffnungs-Perspektive für die Zukunft sein. Das ist doch nichts als eine Selbstverständlichkeit und sollte doch auch keine Schlagzeile wert sein!

Als Pastor frage ich mich, ob nicht wir, also die Vertreter*innen der Kirche(n), genau das sein müssten: Hoffnungs-Expert*innen. Denn ich bin fest davon überzeugt: ohne Hoffnung geht es nicht. Kein Weiterarbeiten an Projekten für die ‚Zeit danach‘, oder wie das bei uns am Küchentisch aus weisem Kindermund heißt: wenn der doofe Corona wieder weg ist, werde ich endlich wieder… Noch eindrücklicher und existentieller wird das, wenn ich mir die Erzählungen von Besuchsverboten anhöre oder mir die Alten, die jetzt allein bleiben müssen, vorstelle. Nein, ohne Hoffnung geht das nicht, darum brauchen wir Experten, und das müssten wir doch können, wir Theolog*innen: Bilder von Hoffnung zeichnen und Hoffnungsgeschichten erzählen.

Oder haben wir uns so sehr daran gewöhnt, von Hoffnung nur in einem Jenseits-Modus zu reden? Das nützt leider gerade gar nichts. Wir brauchen Hoffnung im Diesseits, für das Hier und Jetzt. Daran muss sich in diesem Jahr die Osterbotschaft messen lassen, denke ich. Die Ostererzählung des Predigttextes für den Ostermontag in diesem Jahr hat ihre Pointe übrigens darin, dass Jesus mit seinen Lieben einen Fisch isst. Ostern ist, wo gemeinsam ein Fisch gegessen wird (und es darf sicher auch ein Gemüseragout oder, zur Feier des Tages, sogar ein Stück Fleisch sein). Ich finde, dass ist gar kein schlechtes Hoffnungsbild in den Tagen, in denen viel zu viele Stühle leer bleiben.

In unserem Corona Blog schildern Studienleiter*innen der Akademie und der Akademie als Referent*innen verbundene Persönlichkeiten ihre Wahrnehmungen zur Coronakrise. Aus den verschiedenen interdisziplinären Arbeitsbereichen entsteht damit eine multiperspektivische Sicht, die in der Krise Orientierung bieten kann. Gleichzeitig wird deutlich, wie die Akademie ihre Arbeit auf diese Ausnahmesituation anpasst.

Dr. Christian Brouwer ist Studienleiter für Theologie und Ethik an der Ev. Akademie Loccum