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Suche nach Sinn – (Wieder)Gefunden in direkten Begegnungen

Ein Beitrag von Studienleiterin Monika C. M. Müller

Erste Präsenzveranstaltung nach 3,5 Monaten Corona-Zwangspause

Dieses Seminar war für die Studierenden die erste Präsenzveranstaltung und auch die erste mit Übernachtung an der Ev. Akademie seit 3,5 Monaten. Nach anfänglichem Fremdeln der Teilnehmenden mit den vielen kommunikationshemmenden Sicherheitsauflagen ist ein positives Fazit zu ziehen. Die persönliche Begegnung und der direkte Austausch hatten selbst unter limitierenden Bedingungen einen unschätzbaren Wert. Die Last der Isolation und des Entzugs der zwischenmenschlichen Anregungen während der Corona-Zeit wurde erst während der Begegnung zunehmend deutlich.

Das Seminar „Auf der Suche nach Sinn“ wurde für den Studiengang Religionspädagogik und Soziale Arbeit an der Hochschule Hannover, Fakultät V für Diakonie, Gesundheit und Soziales, von Frau Prof. Dr. Verena Begemann angeboten. Aufgrund der Kontaktbeschränkungen musste auch dieser Kurs im online-Format stattfinden, welches der Thematik jedoch nicht gerecht werden kann. Mit dem Angebot einer Präsenzveranstaltung kam Prof. Begemann dem Bedürfnis der Studierenden nach realer Begegnung nach. Gespräche zu Textarbeiten (Thomas Nagel: Sinn des Lebens; Wilhelm Weischedel: Sprache des Schweigens; Peter Maureder: Mensch werden – erfüllt leben) verbanden sich bestens mit von mir eingebrachten meditativen Impulsen im Kloster Loccum und mit Übungen der Sinneswahrnehmung. Die Verbindung von kognitiver und leiblicher Reflexion stand im Mittelpunkt des Seminars. Die Studierenden haben neue Erfahrungen mit sich selbst und ihrem Gegenüber gemacht.

In der Abschlussrunde berichteten sie von ihrer positiven Wahrnehmung des Austausches in der Gruppe, der Inspiration des direkten Diskurses für das eigene Erleben, Reflektieren und Lernen. Erschrocken waren sie z. T. über die abhanden gekommene Selbstwahrnehmung und darüber, dass sie den Mehrwert von Gemeinschaft in der Isolation fast vergessen hatten. Sie fürchten, dass Hochschulen aus ökonomischen Gründen zukünftig verstärkt auf Online-Formate setzen könnten, da ja alles so gut funktioniert habe. Diesen Eindruck teilen die Studierenden nicht; sie berichteten von teils unzumutbaren Seminar- und auch Prüfungsbedingungen. Wenn es um Abschlüsse und die eigene Zukunft geht, sinkt verständlicherweise die Toleranz für den Charme der digitalen Anfänge.

Ohne digitale Formate – auch ruckelige – freilich wäre vieles während der Zeit der Kontaktbeschränkungen überhaupt nicht möglich gewesen. Wie für andere Bereiche gilt auch für zukunftswillige Hochschulen digital und nutzerfreundlich nachzubessern. Aber selbst wenn E-Learning reibungsfrei funktionieren sollte, darf der Sinn direkter Begegnungen nicht aus dem Blick geraten, weil persönliche Kontakte auf verschiedenen Ebenen für die Studierenden wichtig sind. Deshalb sollten auch in der kontaktbeschränkten Ausnahmezeit in der Lehre möglichst viele Präsenzveranstaltungen durchgeführt werden. Dafür setzen sich die Studierenden ein. Ihre Statements zum Thema sind eindrücklich:

Präsenzlehre ist für mich wichtig, da sie hilft den eigenen Horizont zu erweitern. In einem aktiven, wertschätzenden Gespräch mit Kommiliton*innen und Lehrenden kann man seine Gedanken besser sortierten und mehr neue Impulse und andere Sichtweisen aufnehmen, als per Mail oder in einem Forum mit mittelmäßiger Beteiligung. Die Interaktion in der Präsenzlehre erachte ich grade in unserem Studiengang für besonders wertvoll und wichtig. Jasmin Andrecht

Für mich sind Präsenzveranstaltungen sehr wichtig, denn der direkte Austausch unter Studierenden und Dozierenden ist von hoher Bedeutung. Die gemeinsamen Gespräche auch außerhalb eines Seminars helfen beim Verarbeiten des Themas, wodurch dieses viel länger im Gedächtnis bleiben kann. Zudem kann ich mich viel besser konzentrieren, wenn ich in andere Gesichter blicken kann und nicht auf einen Bildschirm starren muss.

Ich fand besonders schön in den beiden Tagen den Austausch und die sofortige Rückmeldung aller Beteiligten über Mimik und Gestik aber auch durch die Stimme. Ich finde nur durch Präsenz kann man miteinander in Kontakt kommen und voneinander lernen. Paula-Marie Götz

Der persönliche Austausch mit meinen Kommiliton*innen und Dozierenden, sowie die direkte (leibliche) Resonanz unterstützt für mich in hohem Maße die Aneignung von theoretischen Inhalten und stärkt die eigene Reflexions- und Handlungskompetenz. Diese kann definitiv nicht durch die online- Lehre ersetzt werden, ist aber für eine qualitativ hochwertige Ausbildung und spätere Arbeit mit den Adressat*innen unabdingbar!
Eine theoretische Basis, ein großer Methodenkoffer und die leibliche Präsenz sind für mich das Fundament verantwortungsvoller, kritischer und kompetenter religionspädagogischer und sozialer Arbeit, welches nicht allein durch die online- Lehre geschaffen werden kann. Ich wünsche mir gestärkt, fachlich kompetent und psychisch gesund ins Arbeitsleben starten zu können. Dies funktioniert für mich nur durch einen großen Anteil an Präsenzveranstaltungen und damit einhergehenden leiblichen Erfahrungen, Austausch und Resonanz. Ella Anders

Gerade in unserem Studiengang der Religionspädagogik und der Sozialen Arbeit ist es zwingend notwendig, dass einige Veranstaltungen wie die Seelsorge oder die Reflexion von Angeboten in unmittelbarem, direktem Kontakt zueinander stattfinden. Das funktioniert per Videochat oder Telefon einfach nicht. Ebenso führen regelmäßige Präsenzveranstaltungen zu einer Steigerung der Arbeitsmotivation, da man mit dem unmittelbaren Lernort konfrontiert ist. „Man motiviert sich gegenseitig zu studieren.“ – ums mal etwas platt auszudrücken. Thomas Drechsel

Diese zwei Tage der Präsenz hatten eine ganz andere Qualität an Lehre. Wir konnten miteinander in den Diskurs gehen und uns mit unserem Gegenüber auseinandersetzen, während wir uns in die Augen schauten. Dies alles ist online nicht möglich. Ich hatte nach diesem Semester schon fast vergessen wie viel Spaß so ein Seminar machen kann. Durch die Kommunikation nur durch den Bildschirm gehen nicht nur soziale Beziehungen verloren, auch der Inhalt kann nicht ausgeschöpft werden. Daher kann ich es kaum erwarten, dass die Lehre wieder in Präsenz stattfinden kann. Das wünsche ich mir nicht nur, damit ich andere Menschen wiedersehen, sondern damit ich die ganze Qualität unserer Lehre wahrnehmen kann. Mareen Rieke

In unserem Corona Blog schildern Studienleiter*innen der Akademie und der Akademie als Referent*innen verbundene Persönlichkeiten ihre Wahrnehmungen zur Coronakrise. Aus den verschiedenen interdisziplinären Arbeitsbereichen entsteht damit eine multiperspektivische Sicht, die in der Krise Orientierung bieten kann. Gleichzeitig wird deutlich, wie die Akademie ihre Arbeit auf diese Ausnahmesituation anpasst.

Die Seminarteilnehmer*innen in Loccum

Dr. habil. Monika C. M. Müller ist Studienleiterin für Naturwissenschaften, Ökologie und Umweltpolitik