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Halbjahresprogramm

Editorial zur Druckausgabe des Halbjahresprogramms 2-2022

Liebe Freundinnen und Freunde der Evangelischen Akademie Loccum,

„Es ist so weit!“ – das war 1985 der Untertitel zu Hoimar von Ditfurths SPIEGEL-Bestseller „So lasst uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen“. Ja, wie weit ist es denn gerade – mit Rüstungskontrolle, Sicherheitspolitik und Friedensethik, mit der Polarisierung der US-amerikanischen Gesellschaft und dem Schutz der Menschenrechte, der Infragestellung von Wissensproduktion durch gezielte Falschinformation, mit Klimawandel und Energiewende?! Über all diese Fragen und viele weitere hoch aktuelle Themen wird in der Evangelischen Akademie Loccum im zweiten Halbjahr dieses Jahres intensiv nachgedacht und debattiert. Deutlicher als je zuvor seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges tritt die Verletzlichkeit europäischer Gesellschaften durch ökonomische und sicherheitspolitische Abhängigkeiten zutage. Liberale demokratische Gesellschaftsformen sehen sich infrage gestellt durch neuen Autoritarismus, und gute Ansätze in der Energiewende drohen angesichts wirtschaftlicher und sicherheitspolitischer Neuorientierungen zurückgenommen zu werden.

Ist es dann also so weit, dass als einzige Möglichkeit übrigbleibt, ein Apfelbäumchen zu pflanzen – nicht obwohl, sondern gerade weil die Welt scheinbar dem Untergang geweiht ist, ein Apfelbäumchen also, das morgen nicht mehr stehen wird?!

Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen. Dieser Martin Luther zugeschriebene Satz stand über dem deutschen Pavillon der Weltausstellung in Brüssel 1958 und unterstrich den Optimismus, der sich in dem Motto „Fortschritt durch Technik“ ausdrückte. Damit versah er den politisch und vor allem wissenschaftlich motivierten Fortschrittsglauben mit einer religiösen Legitimation – weshalb ihn nicht nur Landesbischof Lilje, sondern auch zahlreiche Politiker, allen voran Bundespräsident Gustav Heinemann, in den 50er Jahren häufig im Munde führten. Vermutlich hat Luther ihn nie gesprochen, bekanntlich freute er sich ja auch auf das Weltende, sehr im Unterschied zu uns Heutigen. Doch dieser Satz wurde zum Symbolwort für den Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg.

Keine dreißig Jahre später wird der Satz in Hoimar von Ditfurths Klassiker zur Ansage des bevorstehenden Weltuntergangs: „Es ist so weit!“. Der Handlungsspielraum ist auf das Pflanzen des Bäumchens zusammengeschrumpft, Hoffnung auf Zukunft gibt es bei Ditfurth angesichts des Massensterbens der Arten keine mehr.
Hoffnung gehört zu den guten christlichen – und ganz besonders: protestantischen! – Tugenden. Deshalb wagen wir in der Evangelischen Akademie Loccum es weiterhin, der Hand zu wehren, die die Säge führt, in dem immerhin zuversichtlichen Geist, dass nicht die Axt – bzw. die Säge – bereits an die Wurzel des Bäumchens gelegt ist, sondern dass sich noch Spielräume öffnen lassen.
Daran mitzuwirken sind Sie auch im zweiten Halbjahr 2022 wieder sehr herzlich eingeladen!

Zusammen mit dem Kollegium der Studienleiterinnen und Studienleiter freue ich mich auf zahlreiche Begegnungen und lebendige Debatten und grüße Sie herzlich

Ihre

PD Dr. Verena Grüter, Akademiedirektorin

Das aktuelle Halbjahresprogramm 2-2022 als PDF

Das Halbjahresprogramm 1-2022 als PDF