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Halbjahresprogramm

Editorial zur Druckausgabe des Halbjahresprogramms 1-2026

Liebe Freund:innen der
Evangelischen Akademie Loccum,

die Sandsäcke vor dem Holztor oder der Löwenzahn, der durch die Ritze drängt? Unser Öffentlichkeitsreferent Florian Kühl hat mir zwei Fotos herausgesucht, und nun soll ich entscheiden, welches als Titelbild taugt. Welches passt besser zu jenem Thema, das gerade in aller Munde ist – Hochwasserschutz oder Asphaltpoesie? Ich schwanke.
Bis vor kurzem ein psychologischer Fachbegriff, gibt es heute kaum noch ein gesellschaftliches Areal, das nicht mit Resilienz in Verbindung gebracht wird. Ob es um Stromausfall geht oder den Zustand der Bundeswehr, um Brücken, Cyberangriffe, Demokratie oder Hitzesommer – Resilienz heißt das Zauberwort. Manchmal scheint damit nicht viel mehr gemeint zu sein, als ein bloßes Fitmachen, eine Sicherung der Funktions-, um nicht zu sagen: der Kriegstüchtigkeit. Dabei stecken in diesem Begriff noch ganz andere Facetten.
„Resilire“ heißt wortwörtlich „zurückspringen“, und so ist der Begriff zunächst für Materialien verwendet worden, die nach Druck oder Verformung mühelos wieder in die ursprüngliche Form zurückkehren. Etwas Ähnliches hat die psychologische Forschung dann seit den 1950er Jahren einerseits an Holocaust-Überlebenden, andererseits an Kindern aus sogenannten schwierigen Verhältnissen beobachtet – eine gewisse Robustheit, ein Standhalten, aber eben auch eine Elastizität. Als gebe es in manchen Menschen eine unverletzliche Lebenskraft, die sich gegenüber Widerständen zu behaupten weiß. So wie bei der Pusteblume.
Als resilienzstärkende Faktoren gelten dabei vertrauensvolle Beziehungen, Bildung, Erfahrungen von Selbstwirksamkeit und geteilte Werte. Um als Gesellschaft stabiler und elastischer zu werden, braucht es darüber hinaus langfristiges Denken, Partizipation und Vernetzung. In diesem Sinne hat Markus Hilgert als neuer Präsident der Kulturpolitischen Gesellschaft vor wenigen Wochen hier in Loccum sein Programm einer „Kulturpolitik der Resilienz“ vorgestellt, von dem sich auch kirchliche Akteur:innen einiges abschauen könnten.
Echte Resilienz erweist sich allerdings erst im Ausnahmezustand, wenn sich das Chaos seine Wege durch die Ritzen der Ordnung bahnt. Beim Hochwasser im Ahrtal im Juli 2021 waren das spontane zivilgesellschaftliche Engagement, die Solidarität, das Mitanpacken eindrückliche Anzeichen von Resilienz. Ob aber die US-Demokratie dereinst einfach wieder „zurückspringen“ und sich von der massiven Beschädigung erholen wird, bleibt dagegen abzuwarten.
Im vorliegenden Tagungsprogramm steckt das Thema Resilienz meist eher der Sache als dem Begriff nach. Klimagerechtigkeit, Stadtbild, Rentenpolitik oder Zivilschutz: Mit jeder unserer Veranstaltungen verbindet sich das Angebot, an resilienteren Strukturen und Praktiken für unsere gesellschaftliche Zukunft mitzuarbeiten – damit wir im Ernstfall den Kopf nicht in den Sand stecken, sondern letzteren mit vereinten Kräften vor die Tür packen.
So habe ich mich – Sie haben es längst bemerkt – für die Sandsäcke entschieden. Verbunden mit der Bitte: Kommen Sie, nutzen Sie Ihre Akademie und diskutieren Sie mit!

Ihre Julia Koll, Akademiedirektorin

Das aktuelle Halbjahresprogramm 2-2026 als PDF

Das Halbjahresprogramm 1-2026 als PDF