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Israelbezogener Antisemitismus in der pädagogischen Auseinandersetzung

Tagung für Lehrkräfte aller Schulformen, Fachkräfte der Jugend(sozial)arbeit, Fachkräfte der Schulsozialarbeit

Neuer Termin: 26.08.2019 - 27.08.2019

Thema

Wo fängt Antisemitismus in Bezug auf Israel an? Was kennzeichnet gute pädagogische Auseinandersetzungen darüber? Wie kann der Nahost-Konflikt differenziert thematisiert werden? Welche Möglichkeiten zur langfristigen Prävention gibt es? Äußerungen von Jugendlichen bedürfen besonderer Aufmerksamkeit: Welcher Hintergrund, welche Perspektive spielt für sie eine Rolle? Welche Bedeutung haben eigene Diskriminierungserfahrungen? Wie lässt sich eine klare Grenze ziehen, ohne die Jugendlichen moralisch zu verurteilen?

Rückblick

Der Evangelische Pressedienst interviewte am Rande der Tagung in Loccum die Berliner Psychologin Marina Chernivsky. Daraus entstand folgender Bericht:

Psychologin: Umgang mit Antisemitismus muss gelernt werden

Loccum/Berlin (epd). Der Umgang von Lehrkräften mit antisemitischen Vorfällen in der Schule muss aus Sicht der Berliner Psychologin Marina Chernivsky gelernt, geübt und institutionalisiert werden. „Langfristig gesehen kann ich nicht auf etwas reagieren, wenn ich mich damit nicht beschäftigt habe, erst recht nicht, wenn es kritisch wird“, sagte Chernivsky am Dienstag dem Evangelischen Pressedienst (epd) bei einer Tagung der Evangelischen Akademie Loccum bei Nienburg.

Die Expertin leitet das Kompetenzzentrum für Prävention und Empowerment der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland. Sie warb dafür, sensible Antennen für diskriminierende und antisemitische Äußerungen und Strukturen zu entwickeln. Lehrerinnen und Lehrer müssten das Thema nicht allein bewältigen, sondern könnten inzwischen auf eine Vielzahl von Formaten, Beratungsangeboten und Fortbildungsmöglichkeiten zurückgreifen.

Antisemitismus und Judenfeindlichkeit äußerten sich in der Schule sowohl durch beiläufige Bemerkungen bis hin zu offenen und gezielten verbalen sowie tätlichen Übergriffen. „Jude ist zum Beispiel ein aufgeladener Begriff und wird oft als Abgrenzung eingesetzt“, sagte Chernivsky. Eine offensive Form sei die Verwendung des Wortes „Jude“ als Schimpfwort. Es sei wichtig den Motiven und Wirkungen solcher Äußerungen nachzugehen, da sie verheerende Wirkungen auf Betroffene entfalten könnten.

Die Vorfälle sollten jedoch nicht pädagogisch vereinnahmt werden, um ausschließlich über Geschichte aufzuklären, betonte Chernivsky. „Wir sollten verstehen lernen wie Geschichte nachwirkt, was für Spuren sie hinterlassen hat. Aber gleichwohl sind jüdische Kinder keine laufenden Geschichten, sondern junge Menschen, die hier und jetzt leben und Antisemitismus ausgesetzt sind.“

Wichtig sei, dass Lehrkräfte den Betroffenen signalisierten, dass sie ernstgenommen und nicht alleingelassen würden, sagte die Expertin: „Schule muss ein sicherer Ort sein.“ Dafür sollten Diskriminierungsschutz und Beschwerdemöglichkeiten vorhanden sein. Ob antisemitische Vorfälle in der Klasse sofort besprochen oder längerfristig aufgearbeitet werden müssten, hänge unter anderem von der Beziehung zwischen Lehrern und Schülern ab. Im Ernstfall seien pädagogische Disziplinarmaßnahmen erforderlich.

Antisemitismus erfülle die Funktion, sich abzugrenzen und einfache Antworten auf komplexe Sachverhalte zu finden, erläuterte Chernivsky. So seien die Ideen der Macht und Übermacht, der Konspiration und Verschwörung gerade in der digitalen Welt sehr langlebig. „Die Bilder sind alt und überliefert, aber sie passen sich dem Zeitgeist an.“ Zwar habe der historische Antisemitismus seinen festen Platz in den Schulbüchern. „Aber dort endet häufig die Beschäftigung am 8. Mai 1945.“

Es sei lange übersehen worden, dass es in den Jahrzehnten danach weiterhin „antisemitische Ressentiments und eine Art unterdrückte Aggression gegen alles Jüdische“ gegeben habe sowie das Bedürfnis, sich seiner Geschichte zu entledigen. „Deshalb gibt es auch im schulischen Kontext viele Leerstellen und Auslassungen, die wir jetzt aufarbeiten müssen.“

Der Bericht wurde vom Migazin und evangelisch.de veröffentlicht:

Migazin: Antisemitismus endet in Schulbüchern am 8. Mai 1945

evangelisch.de: Psychologin: Umgang mit Antisemitismus muss gelernt werden

Downloads

Programm

15:15 Uhr
Anreise und Einchecken

15:30 Uhr
Kaffee und Kuchen

16:00 Uhr
Begrüßung und Einführung

Dr. Susanne Benzler

16:15 Uhr
Antisemitismus im pädagogischen Alltag. Erfahrungen der Teilnehmenden

16:30 Uhr
Schweigen und Sprechen über gegenwärtigen Antisemitismus im pädagogischen Setting

Wie kommt Antisemitismus im pädagogischen Alltag zum Tragen? Wie gehen Pädagoginnen und Pädagogen mit antisemitischen Dynamiken in ihrer Praxis um? Wie wird Antisemitismus besprochen, entgegnet, was wird (nicht) thematisiert?

Ausführliche Einführung, Impulse von und Publikumsgespräch mit
Marina Chernivsky, Leiterin, Kompetenzzentrum für Prävention und Empowerment der Zentralwohlfahrts-stelle der Juden in Deutschland (ZWSt) e.V., Berlin

18:30 Uhr
Abendessen

19:30 Uhr
Israelbezogener Antisemitismus: Eine Annäherung

Was kennzeichnet den israelbezogenen Antisemitis-mus? Wer vertritt ihn und welche Funktion erfüllt er für verschiedene Milieus? Wie kann man politische Debatten von Vorurteilen abgrenzen?
Dr. Olaf Kistenmacher, freier Bildungsreferent, u.a. in der Lehrerfortbildung, Hamburg

08:15 Uhr
Einladung zur Morgenandacht anschl. Frühstück

09:30 Uhr
Handlungs- und Gestaltungsräume der Pädagog/innen ausloten

Wo liegen die größten Herausforderungen in der Auseinan-dersetzung mit dem (israelbezogenen) Antisemitismus für Pädagog/innen? Welche kurz- und langfristigen Hand-lungsmöglichkeiten haben sie?

Parallele Workshops mit Input, Erfahrungsaustausch und Arbeit an Fallbeispielen mit
Marina Chernivsky, Berlin
Deborah Krieg, stellvertretende Direktorin, Bildungsstätte Anne Frank e.V., Frankfurt am Main

12:30 Uhr
Mittagessen

13:30 Uhr
Lebenswelten junger Menschen wahrnehmen – Voraussetzung antisemitismuskritischer Arbeit

Ziel der langfristigen Auseinandersetzung mit Jugendlichen ist es, „Wir“-„Sie“-Differenzkonstruktionen und Dämonisierungen zu durchbrechen. Das ist nicht möglich, ohne die Bedeutung dieser Vorstellungen für das Welt- und Selbstbild mancher Jugendlichen zu verstehen.

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Jugendliche zwischen Islamfeindlichkeit und Alltags-Antisemitismus

Deniz Greschner, Kultur- und Sozialwissenschaftlerin, Institut für Islamische Theologie der Universität Osnabrück und Beraterin des Multikulturellen Forums e.V., Dortmund

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Beides tun: Rassismus- und Antisemitismuskritik in der offenen Kinder- und Jugendarbeit

Dr. Rosa Fava, Projekt ju:an der Amadeu-Antonio-Stiftung, Hannover und Berlin

15:00 Uhr
Ohne Antisemitismus über den Nahostkonflikt sprechen

Was kennzeichnet gute pädagogische Konzepte, Projekte und Materialien? Unter welchen Bedingungen unterstützt die Auseinandersetzung mit dem Nahkostkonflikt die antisemitismuskritische Arbeit?
Workshop mit methodischen Praxisbeispielen
Malte Holler, Projekt Anders denken, Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus/KigA e.V., Berlin

16:30 Uhr
Elemente einer guten Pädagogik gegen (israelbezogenen) Antisemitismus

Wie lassen sie sich beschreiben? Was brauchen pädagogische Fachkräfte, damit Kompetenz für diese Pädagogik wächst? Welche Materialien müssen entwickelt werden? Auf welche Netzwerke kann man aufbauen? Wann ist die Thematisierung von politischen Konflikten notwendig, wann nicht?
Abschlussgespräch mit
Dr. Rosa Fava, Deniz Greschner, Malte Holler und Claudia Schanz, Niedersächsisches Kultusministeri-um, Referat Politische Bildung/Gedenkstätten und Landeskoordination Schulen ohne Rassismus/SMC, Hannover
Moderation: Dr. Susanne Benzler

17:20 Uhr
Ende der Tagung und Abfahrt des Busses nach Wunstorf (Bhf.)

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Die Bildungsstätte Anne Frank e.V. in Frankfurt ist ein Zentrum für politische Bildung und Beratung. Schwerpunkte der Arbeit sind historisches Lernen, Menschenrechtsbildung und pädagogische Konzepte für die pluralistische Migrations-gesellschaft. Gemeinsam mit dem Kultusministerium organi-siert sie das Projekt Antisemitismusprävention an hessischen Schulen.

Die ju:an-Praxisstelle der Amadeu-Antonio-Stiftung in Hannover bietet Beratung, Coaching und Fortbildungen für Fachkräfte in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit und denkt dabei Antisemitismus und Rassismus zusammen.

Das Kompetenzzentrum für Prävention und Empower-ment (ZWSt e.V.) in Berlin bietet Qualifizierungen für päda-gogische Fach- und Führungskräfte an und berät soziale Ein-richtungen und politische Akteure. Das Zentrum kooperiert u.a. mit dem Thüringer Institut für Lehrerfortbildung. Es führt z.Zt. eine praxisorientierte Studie zum „Umgang mit Anti-semitismus im Kontext Schule. Bestandsaufnahme und Hand-lungsempfehlungen“ durch.

Die Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus (KIgA e.V.) in Berlin entwickelt innovative und lebensweltlich ori-entierte Konzepte für die pädagogische Auseinandersetzung mit Antisemitismus in der Migrationsgesellschaft für Jugend-liche und Fachkräfte. Ihr Modellprojekt Anders Denken erstellt Konzepte und Materialien für die antisemitismuskritische schulische und außerschulische Bildungsarbeit.

Das Multikulturelle Forum e.V. ist eine Migrant/innenorga-nisation, die das Empowerment von Migrant/innen unter-stützt und u.a. politische Bildung und Beratung für Jugendli-che und Fachkräfte anbietet.